"Kleine Zeitung" Kommentar: "Saddams Waffenarsenal wird zum Monster von Loch Ness" (von Peter W. Schroeder)

Ausgabe vom 05.10.2003

Graz (OTS) - Die Massenvernichtungswaffen des irakischen
Diktators Saddam haben viel mit dem Monster von Loch Ness und den grünen Männchen vom Mars gemein: Etliche Menschen sind felsenfest von ihrer Existenz überzeugt. Die betrübliche Abwesenheit von Beweisen beeindruckt sie nicht und sie warten vertrauensvoll darauf, dass die Wahrheit eines Tages doch noch ans Licht kommen werde.

Nach diesem Muster legte auch David Kay, Chef der amerikanischen Terrorwaffenfahnder im Irak, seinen "Zwischenbericht" zu seiner dreimonatigen Waffensuche im befreiten Öl- Land vor. Kernaussage:
Nichts Handfestes gefunden, aber das sagt noch nichts und es wird weiter gesucht. Auch in Roswell in New Mexico stehen Gläubige herum und warten auf die nächste UFO-Landung.

George W. Bush kann sich über den Report seines Waffenfahnders nicht freuen. Denn der Bericht zwingt zu der Schlussfolgerung, dass die vor dem Irak angeblich über "handfeste Beweise" verfügenden US-Geheimdienste entweder lausige Arbeit leisteten, oder Monstergeschichten vom Hörensagen im Weißen Haus zu Fakten mit Handlungsbedarf aufgeblasen worden sind.

Da kann man, was die Bush-Regierung schon längere Zeit pflegt, natürlich sagen: Was soll das alles, der Zweck heiligt die Mittel, und die kriegsmäßige Vertreibung des Massenmörders Saddam ist doch ein schöner Erfolg. Das ist ein nicht auf die leichte Schulter zu nehmendes Argument. Und die Regierung Bush hätte viel weniger Kritiker, wenn sie den Waffengang am Golf nicht als Notwehraktion gegen eine Bedrohung mit Massenvernichtungsmitteln, sondern von Anfang an als humanitäre Aktion der Befreiung eines Volkes von einem Tyrannen konzipiert hätte.

Aber weil der Krieg ausweislich aller präsidialen Vorkriegsreden gerade keine philanthropische Expedition war - und die gegenwärtige US-Besatzungspolitik im Irak macht den Glauben daran immer noch schwer - drängt sich nach dem Bericht von Waffenfahnder Kay eine beunruhigende Frage auf: Müssen wir jetzt damit leben, dass schlampende Geheimdienstler einen Präsidenten in einen Krieg treiben können oder ein Präsident ohne größere Nachfrage zum nächsten Krieg bläst?

Da bleibt den Kriegskritikern vorerst nur die Hoffnung, dass im
Irak schon bald und in großen Mengen Massenvernichtungsmittel gefunden werden. Denn die Ehrenrettung der Geheimdienstler und/oder der amerikanischen Regierung würde den Rest der Welt viel beruhigter schlafen lassen. ****

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