- 30.09.2003, 10:59:25
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49 Thesen zur Industriepolitik Österreichs - TEIL 1
Wien (OTS) - Das Industriewissenschaftliche Institut und die
Investkredit Bank AG setzen mit ihrer Veranstaltung "49 Thesen zur
Industriepolitik Österreichs" am 23. September und der heutigen
Pressekonferenz und Diskussionsrunde mit Vertretern der vier
Parlamentsparteien eine industriepolitische Initiative. Sie soll
Denkanstöße für Wirtschaftswachstum und Wohlstandssicherung liefern
und die Industriepolitik in Österreich stärken. Um für die
zukünftigen wirtschaftlichen Herausforderungen vorbereitet zu sein.
Am 23. September 2003 wurden von Vertretern der Wissenschaft,
Wirtschaft und Interessensvertretungen (unter der Moderation des
ehemaligen Leiters des IWI, o. Univ.-Prof. DDr. Werner Clement) je
sieben Thesen aus sieben Themenfeldern zu einer industriepolitischen
Agenda verdichtet, um Chancen und Risiken zu beleuchten.
O. Univ.-Prof. Dr. Michael Landesmann, Wissenschaftlicher Leiter
des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW)
sprach über die Herausforderung des Wettbewerbs mit den neuen
Erweiterungskandidaten und die Notwendigkeit, Versäumnisse aus dem
Integrationsprozess jetzt schnell aufzuholen. Der Wettbewerb wird
sich keinesfalls auf Low-tech- und arbeitsintensive Produktion
beschränken. Diese Produktionsstätten befinden sich schon lange nicht
mehr im grenznahen Umfeld Österreichs, sondern sind bereits in
Wirtschaftsräume, wie die Ukraine oder Rumänien, mit noch niedrigerem
Lohnniveau abgewandert. Der Wettbewerb vor unserer Grenze - vier der
Erweiterungskandidaten sind direkte Nachbarn Österreichs - findet
ohne großen Übergang bei High-tech- und kapitalintensiver Produktion
statt. Die Belastbarkeit für Regulierung und finanzielle Bürden ohne
Folgekostenabschätzung ist daher für die österreichische Industrie
enger geworden. Chancen sieht er vor allem im Standortvorteil der
Klein- und Mittelunternehmen für grenzüberschreitende Aktivitäten.
Zum Abschluss empfahl Michael Landesmann, verstärkt
grenzüberschreitende Interessenvertretungen aufzubauen, die in der
Lage sind, einen integrierten regionalen (transnationalen)
Wirtschafts- und Sozialraum zu schaffen.
Das Thema Arbeitskosten, solidarische Lohnpolitik und Non-Wage
Faktoren wurde von Dr. Günther Chaloupek, Leiter der Abteilung
Wirtschaftswissenschaft und Statistik der Bundesarbeiterkammer Wien,
und Generaldirektor Mag. Norbert Zimmermann, Berndorf AG, kontrovers
diskutiert. Während Günther Chaloupek besonders die Stärken einer
"produktivitätsorientierten Lohnpolitik" betonte und den Begriff
"Wettbewerbsfähigkeit" kritisierte, wies Norbert Zimmermann in seinen
Gegenthesen darauf hin, dass die alten Konzepte (Kollektivverträge,
Bezahlung nach dem Senioritätsprinzip) nicht mehr mit der Realität in
Einklang zu bringen sind. Die Fragmentierung der Arbeitsmärkte und
die alternde Gesellschaft stellen die Unternehmer und die
Gewerkschaften vor neue Herausforderungen. Die Unternehmer müssen
mehr Verantwortung übernehmen und stärker zu Personalführern werden.
Der Wohlstand Österreichs kann nur erhalten und verteidigt werden,
wenn sich die Effizienz aller Beschäftigten erhöht.
Mag. Gerlinde Pöchhacker, Bereichsleiterin des Cluster-Managements
der TMG Oberösterreich, wies auf die Bedeutung von Networking und
Clustering für die moderne Standortpolitik hin. Clustering wurde zu
einem erfolgreichen regionalen Organisationskonzept, das in der
heutigen Standortpolitik nicht mehr wegzudenken ist. Neben den
Stärken des Clusterings wurden besonders die symbiotischen Potenziale
zwischen Klein- und Großunternehmen hervorgehoben. Gerlinde
Pöchhacker gab auch einen Ausblick auf die zukünftigen Entwicklungen
und Chancen für den europäischen Standort: das Potenzial einer
europaweiten Vernetzung der nationalen Cluster. Europas Regionen
konkurrieren in erster Linie nicht mehr gegeneinander, sondern stehen
in direktem Wettbewerb mit anderen globalen Wirtschaftsregionen, wie
Shenzen in China, Bangalore in Indien oder der nordamerikanischen
Pazifikküste von San Diego bis Vancouver.
Wie wichtig und gleichzeitig schwierig das Themenfeld Humankapital
für die künftige wirtschaftliche Entwicklung Österreichs ist, wurde
vom WIFI-Kurator der Wirtschaftskammer Österreich, Dr. Michael P.
Walter, erläutert. Schwierig in dem Sinne einerseits, dass politische
Entscheidungen hier erst nach Jahrzehnten zu wirken beginnen, und
andererseits, dass in vielen Fällen nur indirekt Einfluss durch die
Politik genommen werden kann. Michael Walter sieht
Aktivierungspotenziale in der Gesellschaft und fordert eine völlige
Neuausrichtung der Bildungspolitik, insbesondere hinsichtlich des
Verhältnisses zwischen Aus- und Weiterbildung. Öffentliche Mittel in
der Weiterbildung könnten so eingesetzt werden, dass sie als Hebel
für zusätzliche private Investitionen wirken.
Die Bedeutung des Kapitalmarktes und der Finanzierung für die
Wirtschaft wurde von Generaldirektor Dr. Wilfried Stadler,
Investkredit Bank AG, unterstrichen. Die globale Wirtschaft ist mit
immer kürzeren Produktlebenszyklen, schnellerem Strukturwandel und
den damit verbundenen Innovations- und Wachstumsinvestitionen
konfrontiert. Die österreichische Finanzierungskultur, geprägt durch
eine Kombination von Innen- und Fremdfinanzierung, stößt bei diesen
Entwicklungen aber an ihre Grenzen. Der Standort Österreich bedarf
einer stärker entwickelten Kapitalmarktstruktur. Schwerpunkte sind
daher in die nächste Ausbaustufe des österreichischen Kapitalmarkts
zu legen. Grundlage dazu sollten verlässliche rechtliche
Rahmenbedingungen, eine konsequente internationale Orientierung und
eine gute Kapitalmarktkultur sein. Defizite sieht Wilfried Stadler
noch im österreichischen Steuerrecht in Bezug auf Systematik,
Praktikabilität und Planbarkeit.
Die langfristige Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit Österreichs im
globalen Standortwettbewerb kann nur durch eine Schwerpunktsetzung
auf F&E gesichert werden - so o. Univ.-Prof. Dr. Günther K. Bonn von
der Universität Innsbruck. Europäische (Barcelona Ziel) und nationale
Forschungs-, Technologie- und Innovationspläne haben dies
festgehalten sowie klare Zielvorgaben der Steigerung der F&E-Quoten
definiert. Österreichs "High-tech-Lücke" ist auf ein Strukturproblem
zurückzuführen. Es fehlen die großen F&E-intensiven Leitindustrien
mit hohen F&E-Quoten. Die KMU Österreichs sind nicht weniger
innovativ als jene vergleichbarer Industrieländer, aber aufgrund der
methodischen Unschärfen der Erfassung von F&E-Investitionen
schlechter in offiziellen Statistiken abgebildet (österreichisches
Wachstums- und Strukturparadoxon). Trotz dieser "Relativierung" ist
es notwendig, dass die Politik aktiver Forschungs-, Technologie- und
Innovationspolitik zur Wohlstandserhaltung betreiben muss. Dabei ist
zu beachten, dass alle finanziellen Hebelwirkungen der privaten
Wirtschaft und Industrie genutzt, Fördermittel auf wichtige
F&E-Felder konzentriert und optimale Strukturen für die Umsetzung der
Strategien entwickelt werden.
Zum Abschluss unterstrich der Generalsekretär der
Industriellenvereinigung Dkfm. Lorenz Fritz die Bedeutung von
Privatisierung, Deregulierung und Public Private Partnerships für die
Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Österreich. Die Öffentliche Hand
sollte sich stärker bewusst werden, was in der heutigen Zeit ihre
Kernaufgaben sind, und ähnlich wie die Privatwirtschaft dies seit den
80er Jahren durchführte, sich auch auf diese beschränken. Dies sollte
nicht als Plädoyer für den vollständigen Rückzug des Staates
verstanden werden - Grenzen skizzierte Fritz z.B. bei natürlichen
Monopolen der Daseinsvorsorge (Energieleitungen, Schiene, Wasser
etc.) - sondern als kreativer Prozess, der die Chancen möglicher
Effizienzgewinne marktwirtschaftlicher Strukturen bzw.
Innovationskraft privater Dienstleister vermehrt nutzt. Der Rückzug
des Staates kann je nach Bereich vollständige Privatisierung,
Ausgliederung oder Public-Private-Partnership (PPP) bedeuten. Keine
ideologische Positionierung oder Denkverbote, sondern intelligente
Lösungen sind gefragt.
(Forts.)
OTS0085 2003-09-30/10:59
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