"Kleine Zeitung" Kommentar "Auch die Bäume Schüssels wachsen nicht in den Himmel" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 29.09.2003

Graz (OTS) - Sieger sehen anders aus. Herwig van Staa und Josef Pühringer kamen zwar als Erste ins Ziel, doch fiel der Vorsprung viel geringer aus als insgeheim erhofft und auch offen erwartet. Ihr Lächeln wirkte gequält. Sie wussten, dass sie geschwächt sind, weil sie nicht so stark wie vermutet wurden.

In Tirol konnte der Landeshauptmann die ÖVP wieder zur absoluten Mehrheit im Landtag zurückführen, doch gelang es van Staa nicht, die Latte, die Erwin Pröll in Niederösterreich auf über 53 Prozent gelegt hatte, zu überbieten. Er verfehlte sogar knapp die 50er-Marke. In der innerparteilichen Hackordnung bleibt Pröll der Kraftprotz.

Während in Innsbruck nun immerhin klare Verhältnisse herrschen, wird sich in Linz Pühringer mit einem selbstbewusst gewordenen Gegner herumschlagen müssen. Erich Haider war schon bisher nicht von Minderwertigkeitskomplexen geplagt. Der sensationelle Zuwachs wird die Muskeln des roten Haider weiter schwellen lassen. Der oberösterreichische SPÖ-Chef teilte im Wahlkampf beinhart und bedenkenlos aus. Der unermüdlich rackernde Pühringer wusste gegen die Attacken kein Rezept. Er verstrickte sich in den Fußangeln der Bundespolitik, zunächst bei der Pensionsreform, zuletzt bei der Voest-Privatisierung. Der überstürzte Verkauf war ein fataler Fehler: Der Landeshauptmann bot das Bild eines Gehetzten, der vergeblich versuchte, den Leitbetrieb des Landes zu retten.

Die Landtagswahlen in Oberösterreich wurden nicht in Linz, sondern in Wien entschieden. Der 28. September könnte eine Zäsur gewesen sein, weil auch die Bäume des Bundeskanzlers nicht in den Himmel wachsen. Die Gemeinderatswahlen in Graz und die Landtagswahlen in Niederösterreich schienen den Trend der Nationalratswahlen zu bestätigen, wonach vom Zerfall der FPÖ nur die ÖVP profitiert. Seit gestern schlägt das Pendel in die andere Richtung aus: Die SPÖ fuhr die Ernte ein.

Ob der Wählerstrom bereits ein neues Bett gefunden hat, bleibt abzuwarten. Dass Alfred Gusenbauer die Dämme, die seine Vorgänger gegen die blaue Flut errichteten, abbaute, wirkte sich aus. In Oberösterreich wurden die zum blauen Haider übergelaufenen ehemaligen SPÖ-Wähler nicht ausgegrenzt, sondern umworben.

Vorerst wird sich nichts ändern. Die Koalition wird weiterwursteln, wie bisher, weil es derzeit keine Alternative zu Schwarz-Blau gibt. Ob Wolfgang Schüssel nach den nächsten Wahlen erneut alle Trümpfe in der Hand hat, ist seit gestern allerdings zweifelhaft. ****

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