"Presse"-Kommentar: Das Pflegesystem braucht bessere Pflege (von Gerhard Bitzan)

Ausgabe vom 23. September 2003

Wien (OTS) - Kaum ein Thema erzeugt zur Zeit derart viele
Emotionen wie der Skandal um Missstände in Wiener Pflegeheimen. Eigentlich kein Wunder, denn in einer rasch alternden Gesellschaft haben viele Menschen Angehörige, die es zu pflegen gilt. Und zweitens stellt sich jetzt jeder Einzelne verstärkt die Frage, wie man dereinst im hohen Alter oder bei starkem Gebrechen selbst behandelt wird. Insofern kann man dem "Pflegeskandal" auch etwas Positives abgewinnen: Es wird über ein Thema diskutiert, das man jahrelang abgeschoben hat.
Es geht beim Wiener Pflegeskandal nur zu einem kleinen Teil um das persönliche Fehlverhalten von Betreuern, Pflegepersonen oder ärztlichem Personal. Die große Mehrheit, das sei hier noch einmal deutlich vermerkt, macht diesen schwierigen Job gut. Nein, es geht vor allem um Systemfehler. Dass die Spitze des Eisbergs gerade in der Bundeshauptstadt, die sich immer wieder ihrer sozialen Kompetenz rühmt, zu Tage kam, macht umso betroffener.
Ein Grundproblem ist zweifellos, dass der Pflegeberuf als nicht attraktiv gilt. Wenn Krankenschwestern nur lernen, mit hochtechnisierten Apparaten Menschen zu retten, dann werden sie in einem reinen Pflegeberuf nicht die Erfüllung finden. Vor allem die ganz Jungen können mit Altenpflege nur schwer umgehen. Da muss mit Imagekampagnen gegengesteuert werden, da müssen attraktivere Entlohnungen her und da muss man sich auch ein Rotationssystem einfallen lassen, wo einmal im medizinischen Teil, und ein anderes Mal im pflegerischen Part gearbeitet wird.
Ein himmelschreiender Skandal sind die baulichen Strukturen in so manchen Anstalten, die eher an die Kaiserzeit als an das 21. Jahrhundert erinnern, und den Trübsinn sowohl bei Pflegern als auch Pfleglingen verstärken. Wie ist es auch möglich, dass ein Pflegeplatz in einem Acht-Bett-Zimmer im Lainzer Geriatriezentrum mehr kostet als in so mancher modernen privaten Einrichtung? Offenbar muss man in Lainz - und nicht nur dort - den riesigen Ballast einer aufgeblähten Stadtverwaltung mitschleppen. Dass aber auch öffentliche Anstalten vorbildlich und mit relativ geringem finanziellen Aufwand geführt werden können, zeigen Beispiele aus den Bundesländern, die in den letzten Tagen an die "Presse" herangetragen wurden.
Im Pflegebereich gibt es zahlreiche weitere Strukturmängel - und der eigentliche Skandal ist, dass diese schon lange bekannt sind, auch von namhaften Experten benannt und analysiert wurden - aber nichts geschah. Und da sind wir wieder bei der in Wien zuständigen Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann (SP). Ihre Aufgabe in den vergangenen drei Jahren wäre es gewesen, Systemschwächen auszumerzen und bessere Kontrollmechanismen einzuführen. Jetzt wird - zu Recht -vehement ihr Rücktritt gefordert; noch hält der Bürgermeister aber aus falsch verstandenem Korps-Geist zu ihr. Dabei ist ein Wechsel an der Ressortspitze nicht genug: es muss die Garantie geben, dass wirklich das Pflege-System als Ganzes angegangen wird.
Doch neben diesen spezifisch wienerischen Aspekten der Pflegemissstände ist auch die Bundespolitik gefordert, Maßnahmen zu setzen. So müssen etwa bundeseinheitliche Pflege- und Ausbildungsstandards geschaffen werden. Und es muss vor allem, wie eingangs erwähnt, das Bewusstsein geschärft werden, dass wir alle bald Teil einer "Alternden Gesellschaft" mit all ihren Auswirkungen sind.
Das heißt aber nicht, dass wir auch nahtlos in eine Pflegegesellschaft übergehen werden. Denn die heute durchschnittlich 80 Jahre alten Pflegeheiminsassen sind noch in Vorkriegszeiten aufgewachsen, mit schwierigen Lebensumständen. Mehr Gesundheitsbewusstsein und Vorsorgemedizin könnten dazu führen, dass es in den nächsten Jahren weit mehr relativ gesunde Alte gibt, und damit auch die Pflegeheime völlig andere Strukturen haben werden.

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