"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum hört die Regierung nicht einmal auf die eigenen Granden?" (von Wolfgang Simonitsch)

Ausgabe vom 20.09.2003

Graz (OTS) - Es ist vollbracht. Die Voest ist verkauft. Genauer:
Sie ist unter lautem Geschrei der Gewerkschafter und Wahlkampfgetöse in Oberösterreich teilprivatisiert worden. Denn in der Tat wurde der Staatsanteil nur von 35 auf ein Aktienpaket von 15 Prozent abgespeckt.

Dabei wurde viel Geld auf der Straße liegen gelassen, "Volksvermögen verschleudert", wie Oppositionelle im politischen Kampfjargon tönen. Dass sie damit nicht so falsch liegen, haben auch die langen Gesichter etlicher ÖIAG-Aufsichtsräte gezeigt. Sie hatten sich auf einen Preis von wenigstens 35 Euro gefreut. Doch der Markt hat keinen Cent mehr als 32,50 Euro pro Aktie
hergegeben. Was allein beim gestern vollzogenen Aktienverkauf einen Unterschied von 16,5 Millionen Euro - in früherer Währung von schnöden 230 Millionen Schilling macht.

Und daran ist der Starrsinn des Bundeskanzlers schuld, der die Aktien der "roten" Voest unbedingt knapp vor den Landtagswahlen in Oberösterreich unter die Leute bringen wollte. Wolfgang
Schüssel, der ewig Gelassene, hat sein zunehmend fragwürdiges, aus den Siebzigerjahren stammendes Motto "Mehr Privat, weniger Staat" mit einer Sturheit durchgezogen, als wäre es ein
Naturgesetz. Logisch, dass sozialdemokratische Gewerkschafter wütend dagegen ankämpften.

Aber nicht nur sie: Auch prominente Wirtschafts-Kapazunder der ÖVP haben zuletzt häufig den Kopf geschüttelt. Sie hätten die Voest lieber in aller Ruhe und abseits von Wahlen besser
verkauft, wie dies jetzt der sonst einflussreiche Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad erklärte. Auch Erste- Bank-Chef Andreas Treichl hat Verkaufsideen gehabt, die verhindert hätten, dass bei zigtausend vom Voest-Verkauf betroffenen Mitarbeitern und deren Familien Zukunfts-Urängste aufgekommen wären.

Womit längst noch nicht alle ÖVP-Granden aufgezählt sind, die sich auch fragen, wie groß der politische Schaden für die ÖVP Oberösterreichs sein wird. Sachlich ist der Unfug des Voest-Verkaufs leicht zu belegen: Noch im April des Vorjahres haben Finanzminister und die ÖIAG erklärt, die Voest-Kapitalerhöhung wenigstens zur Hälfte mitmachen zu wollen, weil die
Voest-Aktie ein ach so hohes und viel versprechendes Wachstumspotenzial habe.

Wie viel glauben Sie, hat Karl-Heinz Grasser damals pro Aktie bezahlt? Exakt jene 32,5 Euro, die er jetzt beim Verkaufsdebakel erzielt hat. Jedes Sparbuch hätte mehr gebracht. Darüber
ärgern sich auch ÖVP-Granden, einige mit dem Nachsatz, der vieles erklärt: "Die Regierung hört nicht auf uns." ****

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