Die Wirtschaft und die Humanität

"Presse"-Leitartikel vom 20.09.2003/von Andreas Unterberger

Wien (OTS) - Und wo bleibt die Menschlichkeit? Diese Frage wird immer öfter allen (wirtschafts)liberalen Denkansätzen entgegengeschleudert. Der Marktwirtschaft wird zwar - oft widerwillig - größere Effizienz nachgesagt, aber auch große Herzlosigkeit. Absolut richtig - ein Markt hat kein Herz. Es gibt "den" Markt als bewussten Akteur ja gar nicht. Er ist ja nur die Gesamtheit vieler Einzelmenschen, er ist die Automatik, wie deren unterschiedliches Handeln auf einen Nenner kommt. Und dieser ist halt so herzlos oder herzhaft wie die Intentionen der Marktteilnehmer. Sind diese herz-lich, dann werden sie zu jener Bank gehen, die auf Sparbüchern weniger Zinsen gutschreibt - aber dafür ihre Angestellten gut zahlt. Dann werden sie den Kaffee teurer kaufen - in der Hoffnung, dass arme Kaffeebauern mehr Geld bekommen. Dann werden sie als Beamte auf Gehalt verzichten, damit der Staat mehr für Altenpflege, Mindestpensionen, Krankenhäuser, Entwicklungshilfe und Betreuung von Asylwerbern ausgeben kann.
Ziemlich unsinnig solche Ansinnen? Um nichts anderes geht es aber, wenn über die Herzlosigkeit des Marktes geklagt wird. Wer vom Markt redet, redet von uns, redet von sich selbst.
Das heißt nun keineswegs, dass eine Gesellschaft keine Humanität bräuchte. Im Gegenteil. Diese kann aber nur von Menschen kommen, nicht vom Markt. Und nicht vom Staat.
Der Staat ist die einzig relevante Alternative zum Markt. In Justiz, Verteidigung, Hoheitsverwaltung ist ein starker funktionierender Staat wichtig. Dort aber, wo Wettbewerb möglich ist, zeigt zumindest die real existierende Welt (Vergleiche mit theoretischen Schlaraffenländern sind irrelevant) klare Korrelationen: Je mehr Staat, umso mehr Unmenschlichkeit! Am drastischsten hat das der totale Staat der kommunistischen Welt mit 80 Millionen Todesopfern, mit großen Zahlen an Gewissensgefangenen und Flüchtlingen gezeigt.
Umgekehrt hat etwa Großbritannien unter heftiger Kritik der Verbal-Humanisten staatliche Regeln abgeschafft, die Arbeitsplatzbesitzer schützen sollten; dieser Schutz produzierte Ineffizienz und Kosten, die ungerechterweise andere tragen müssen, und diskriminierte Arbeitslose. Heute führt der - von Tony Blair fortgesetzte - Thatcherismus dazu, dass Großbritannien nicht nur regelmäßig bessere Wirtschaftsdaten hat als der Rest der EU, sondern auch die niedrigste Arbeitslosigkeit. Was ist humaner?
Genauso ist eine humane Behandlung alter Menschen in privaten Heimen viel wahrscheinlicher als in Lainz. Immer dort, wo auch der Sieche (oder seine Angehörigen) noch eine Wahl hat (etwa das Heim zu wechseln), wird er als Kunde behandelt, nicht als Objekt. Und dass es in Heimen etwa der Caritas auch noch zusätzliche, religiöse Motive für einen humaneren Umgang gibt, ist zumindest denkbar.
Von den Schulen bis hin etwa zur Lebensmittelversorgung zeigt sich: Dort, wo die Dienstleistung für den Kunden über den eigenen Arbeitsplatz entscheidet und nicht Personalvertretung und/oder Parteibuch, ist sie besser, also humaner.
Gewiss: Für den einzelnen Beschäftigten ist ein Job mit lebenslanger Garantie angenehmer. Nur zeigt sich: Wer nie um Firma oder Arbeitsplatz bangen muss, strengt sich weniger an. Im Schnitt -denn es gibt ganz hervorragende und fleißige Beamte. Pragmatisiert man eine ganze Nation, dann wird der alte osteuropäische Spruch wieder Realität: Wir tun so, als würden wir arbeiten, und der Staat tut so, als würde er uns zahlen.
Genießt nur ein Teil der Bürger das Privileg eines geschützten Arbeitsplatzes, dann ist halt nur bei einem Teil die Leistung tendenziell gering (also den Kunden und Bürgern gegenüber inhuman), dann ist das allen anderen gegenüber extrem ungerecht. Oder hält jemand Ungerechtigkeit für human?
Wir sollten vorsichtig sein: Wenn von human und sozial gesprochen wird, werden damit oft nur Diskriminierungen und Privilegien getarnt.

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