"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Armes reiches Land" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 13. September 2003

Innsbruck (OTS) - Enorm, wie viele Personen und Institutionen sich in der jüngsten Zeit mit dem Wunsch nach mehr Geld an die Öffentlichkeit, namentlich an die Politik wenden. Einige lassen gar Alarmrufe erschallen.
Wissenschafter halten die Forschung für gefährdet, so sie nicht mehr Geld erhalten. Andere sehen den Tourismus in Gefahr, sollten für dessen Werbung nicht rasch mehr Mittel bereitstehen. Die nächsten erwarten einen Pflegenotstand, die übernächsten unbeheizte Schulen, andere wiederum wähnen das Gesundheitssystem und den Straßenbau am Ende. Sportvereine, Kultur-Initiativen und Selbsthilfegruppen zählen sich zu den vom Aussterben bedrohten Arten, sollten sie nicht mehr Geld erhalten.
Jeder Einzelne ergänzt, gerade in einem reichen Land wie Österreich oder Tirol müsste doch zumindest für sein Anliegen etwas mehr an Geld verfügbar sein. Und übersieht im Absingen des Klageliedes, dass dessen einzelne Strophen den gemeinsamen Refrain widerlegen, denn der lautet ja offenbar, so viel Not war noch nie.
Ergänzt man diesen Befund noch um einige der Studien zur Armut Einzelner oder von Familien, wird offensichtlich, wie sich mit Statistiken aller Art die Probleme besprechen lassen, ohne ihnen auf den Grund zu gehen. Denn die oftmals selbstverständliche Anspruchsmentalität und das lieb gewordene Subventionsniveau stehen offenbar nicht zur Diskussion. Womit im öffentlichen Gespräch die entscheidenden Fragen nicht beantwortet werden, nämlich jene nach der Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel und der Gerechtigkeit gegenüber Bedürftigen.
Gerade das finanzielle Dilemma mancher Personen und Institutionen erfordert es, Ziele und Werte zu definieren, Maßstäbe festzulegen. Die tatsächlich Armen haben sich eine an grundsätzlichen Überlegungen reichhaltigere Debatte verdient, als sie derzeit mancherorts mit Statistiken und Vergleichen geführt wird.
Ob die Politik dieses Gespräch zu moderieren und dann Entscheidungen zu treffen vermag, ist unter den Bedingungen des Wettbewerbs der Parteien etwas fraglich. Notwendig wäre es. Denn nur ein gemeinsames Verständnis über Gerechtigkeit, Eigenverantwortung und Hilfsbedürftigkeit gewährleistet sozialen Zusammenhalt. Auch darum geht es.

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