WirtschaftsBlatt-Kommentar von Mikael Björk

Schweden wählt zwischen Euro und Idylle

Wien (OTS) - Die charismatische Aussenministerin Anna Lindh war in Schweden eine der wenigen, die die Euro-Diskussion ohne die üblichen Übertreibungen und Vereinfachungen geführt hat. Sie behauptete nicht, dass die Euro-Einführung gut für die schwedische Wirtschaft und ein Nein zum Euro eine Katastrophe wäre. Vielmehr erklärte sie unermüdlich, dass Schweden als Teil von Europa die gemeinsame Zukunft mitentscheiden möchte.

Dazu gehört natürlich die gemeinsame Währung. Lindh hatte eine Vision, was Schweden in Europa tun kann. Das waren erfrischende Worte in einem Land, dessen Bevölkerung das Gefühl der Besonderheit pflegt. Das schwedische Modell lebt immer noch in den Köpfen der Menschen, obwohl das Sozialsystem zum Teil abgebaut ist und die Arbeitslosigkeit steigt.

Zu dieser Gefühlswelt gehört auch die Annahme, dass in Schweden alles ruhig und überschaubar sei, die Aussenwelt aber böse. Die Morde an Anna Lindh und schon 1986 an den Ministerpräsidenten Olof Palme zeigten leider sehr deutlich, dass dieses Bild falsch ist. Politische Gewalt gibt es auch in Schweden, sogar öfter als in anderen europäischen Ländern. Diese Einsicht fehlt. Deshalb gehen Spitzenpolitiker ohne Leibwächter einkaufen. Sie möchten sich unter die Wähler mischen und Vertreter einer "offenen Gesellschaft" sein.

Diese Naivität kann tödlich sein. Es ist kein Zeichen von Offenheit, wenn Spitzenpolitiker ohne Personenschutz sind. Das hilft nur Attentätern, die die politische Stabilität und Offenheit gefährden wollen. Sogar der schwedische Sicherheitsdienst hat an die Idylle geglaubt, obwohl es schon vorher bei Wahlveranstaltungen zu mehreren aggressiven Handlungen gekommen war. Die Euro-Debatte wurde nämlich erbittert geführt. Der Sicherheitsdienst erntet jetzt viel Kritik dafür, dass er die Drohungen unterschätzt hat. Durch das Attentat sind Zurückhaltung und Ruhe eingetreten. Die letzte grosse Fernsehdebatte wurde am Freitagabend in eine Reihe von Vorträgen verwandelt, um Konfrontation zu vermeiden.

Die Euro-Abstimmung am Sonntag wird sehr spannend, denn die Meinungsforscher wagen keine eindeutige Prognose. Die Euro-Gegner sind laut Umfragen noch immer in der Mehrheit. Aber einige Meinungsforscher vertreten die Ansicht, dass unsichere Wähler aus Sympathie mit Anna Lindh mit Ja stimmen würden. Andere behaupten, dass gerade die Unsicherheit die Wähler zurück in die schwedische Idylle treiben könnte - in dem Fall also in die vermeintliche Geborgenheit der nationalen Währung.

Die Nein-Sager übersehen aber, dass sich die Zeiten rasch ändern und die osteuropäischen Staaten in zehn Jahren integriert sein werden. Viele von ihnen werden die Euro-Währung rasch einführen und in Europa voll mitbestimmen. Und Schweden soll abseits stehen bleiben?
(Mikael Björk ist stellvertretender Aussenpolitik-Chef der schwedischen Wirtschaftszeitung Dagens Industri)

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