"Kleine Zeitung" Kommentar: "Eine Idee mit der Kugel töten: Terror in der Musterdemokratie " (von Hubert Patterer)

Ausgabe 12.09.2003

Graz (OTS) - Auch wenn der Name Anna Lindh vielen auf der Straße unbekannt gewesen sein mag, so hat die Nachricht vom gewaltsamen Tod der schwedischen Außenministerin auch hierzulande
Betroffenheit ausgelöst. Nach den Attentaten auf den niederländischen Exzentriker Pim Fortuyn und den serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic war es bereits das dritte Gewaltverbrechen auf einen europäischen Politiker innerhalb von eineinhalb Jahren.

Wer Parallelen zwischen den Anschlägen ziehen und zu einer These formen wollte, begäbe sich wohl auf das dünne Eis der Mutmaßung, und doch fällt eines auf: Alle drei Opfer waren
überaus populäre Politiker, mit klaren Überzeugungen, ausgestattet mit großer Strahlkraft.

Dieses Charisma ließ sie in den Augen gewaltbereiter Widersacher zur Gefahr und zur Bedrohung werden. "Er war so beliebt. Ich habe keinen anderen Weg gesehen, ihn zu stoppen", sagte
der Attentäter im Mordfall Pim Fortuyn vor Gericht aus. Die Hypothese liegt nahe, dass in allen drei Fällen der Beweggrund für die Gewalt darin bestand, Ideen (Ja zum Euro) mit der Kugel
zu töten.

Deshalb ist die gestern oft geäußerte Kondolenz-Formel, das Attentat auf Anna Lindh sei ein Anschlag auf die offene Demokratie, keine Pathetisierung, sondern zutreffend. Wer den, der für
eine Haltung steht und um sie wirbt, mit Gewalt stoppt, stellt sich verbrecherisch gegen das demokratische Gemeinwesen. Der Wettstreit der Ideen ist sein Elixier.

Aus diesem Grund war es von der schwedischen Regierung klug und richtig, das sonntägige Referendum über die Einführung des Euro trotz der landesweiten Erschütterung nicht von der
Agenda zu nehmen. Es wäre ein Tribut an den Attentäter gewesen. Die Demokratie hätte Wirkung gezeigt.

In die Betroffenheit über die Gewalttat mischt sich auch Irritation: Wie schon beim Attentat im hoch entwickelten Toleranz-Dorado Niederlande kontrastiert auch dieses Gewaltverbrechen
auf verstörende Weise mit dem makellosen Bild, das wir von der Hochleistungsdemokratie Schweden in uns tragen.

Lässt sich der Anschlag als Beleg für die fortschreitende Radikalisierung des Politischen lesen? Manches spricht dafür und doch: Gewalt gegen Politiker hat es zu jeder Zeit gegeben. Wer im Licht der Öffentlichkeit steht, trägt immer ein Risiko, weil er Projektionsflächen bietet. Ein Rest an Ungeschütztheit bleibt.

Vielleicht sollte man das ab und zu in Rechnung stellen, wenn es wieder einmal mit feurigem Elan gegen "die Politiker" geht. ****

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