WirtschaftsBlatt-Kommentar von Martin Rümmele

Woran die Gesundheitsreform krankt

Wien (OTS) - Die Idee wär nicht schlecht: Statt allein Lösungen zu suchen, holt man möglichst viele Betroffene und Experten an einen Tisch und denkt gemeinsam nach. So geschehen gestern Abend zum Thema Gesundheitsreform. Angesichts explodierender Defizite, skandalöser Versorgung von Pflegebedürftigen, Besorgnis erregender Zukunftsaussichten und einem unbeschreiblichen Strukturkonservatismus aller Beteiligten ist eine Reform des Gesundheitssystems längst überfällig.

Statt aber wirklich Lösungen zu suchen, versuchte die Regierung gestern vor allem öffentlichkeitswirksam den Eindruck von Reformeifer zu vermitteln. Ein wirklicher Dialog sei gar nicht erwünscht, hört man von Regierungsberatern. Pläne lägen längst vor, man scheue sich nur, sie allein umzusetzen. Wie diese aussehen und welche Folgen sie für das System, aber vor allem die Wirtschaft haben, zeigt eine neue, fünfteilige WirtschaftsBlatt-Serie, die heute auf Seite 19 startet.

Sie beschreibt auch, warum Reformen im Gesundheitsbereich so schwer fallen. Es gibt kein Gut, das jedem wichtiger ist, als die eigene Gesundheit. Gleichzeitig geht es um viel Geld. Über 21 Milliarden Euro wurden im Vorjahr von der öffentlichen Hand und Privathaushalten für Gesundheit ausgegeben. Kein Wunder, dass Apotheker, Ärzte, Baubranche, Medizintechnikfirmen und Pharmaindustrie sofort ein Massensterben befürchten, wenn in diesem Sektor gespart werden soll.

Eine Regierung, die zu einer Reform des Gesundheitssystems ansetzt, kann also nur verlieren. Unterlässt sie die Reform, trifft sie der Volkszorn aber ebenfalls. Vor allem dann, wenn Fälle wie Lainz aufbrechen. Die ÖVP weiss das und ihr Hauptverbandspräsident Martin Gleitsmann hat es gestern auch klar gesagt: Die Gesundheitsreform werde sicher noch schwieriger als die von heftigen Diskussionen begleitete Pensionsreform. Also demonstriert die Regierung öffentlich Reformeifer, lässt sich aber mit der Reform bis Anfang 2005 Zeit.

Dabei fehlt im Gesundheitsbereich nicht nur eine tiefreichende Reform, sondern vor allem eine breite, gesellschaftliche Ethikdiskussion. Wird eine flächendeckende Versorgung künftig möglich sein? Auch wenn die Menschen immer älter werden und die Medizintechnik zwar mehr leistet, aber unfinanzierbar wird? Werden Leistungen rationiert? Und wer wird das tun? Wir brauchen radikal neue Denkansätze und eine mutige Reformdiskussion. Bleiben sie aus, dann werden sie in einigen Jahren brutal von den Fakten erzwungen.

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