WirtschaftsBlatt-Kommentar Der 11. September muss enden

von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Der 11. September als Tag des verheerenden Anschlags auf das World Trade Center in New York jährt sich heute zum zweiten Mal. Auch wenn inzwischen vieles normal läuft, ist die Welt in den zwei Jahren nicht wirklich zur Normalität zurückgekehrt, sondern misstrauischer geworden. Dafür gibt es nicht nur den einen Grund, dass der nächste Terrorakt bereits so perfekt geplant sein könnte, dass ihn niemand verhindern wird.

Zur grossen Ernüchterung trägt auch bei, dass nach allen bisherigen Erfahrungen das Prinzip "Schlag und Gegenschlag" die Gesamtsituation jedes Mal verschlimmert, sofern sich nicht gleichzeitig jemand um die tiefen Ursachen der Krise kümmert. Das "Aug um Aug, Zahn um Zahn" führt zur fortwährenden Steigerung der Gewalt: täglich in Israel, fast schon permanent im Irak, kaum noch wahrgenommen in Afghanistan, denn darum kümmert sich niemand mehr.

Dass die Weltwirtschaft so lange braucht, bis sie sich einigermaßen aus dem Konjunkturtief erfängt, hat auch mit dieser frustrierenden Erkennnis zu tun. Supermächtige Energien werden für Präventiv- und Vergeltungsschläge mobilisiert, für weltweite Überwachungssysteme, Personenerkennung, Geldflussbeobachtung. Vielleicht baut sich die nächste militärische Strafaktion gegen einen Schurkenstaat bereits auf.

Schurken muss man bekämpfen, das ist richtig. Aber man hat nicht den Eindruck, dass an den entscheidenden Stellen der Macht jemand an Strategien arbeitet, um Ursachen des Terrors zu lokalisieren und den Fanatikern systematisch das Wasser abzugraben.

Dass die Rüstungsindustrie und die Produktion von Sicherheitstechnik florieren, ist ein fragwürdiger Trost in einer Zeit, in der die Welt zu einem globalen Nordirland zu werden droht. In Ulster wurden nämlich Gewalt und Gegengewalt über viele Jahrzehnte zu einem Ritual ausgebildet, das sich selbst legitimiert und jeden Traum von einer liberalen, prosperierenden und menschlicheren Welt entbehrlich scheinen liessen.

Der 11. September 2001 war ein furchtbarer Tag, aber jeder Tag geht einmal zu Ende. Sodass sich ein Teil der Menschheit fragt, ob das in den Reden des amerikanischen Präsidenten so häufig gebrauchte Vokabular von Vernichtung, Vergeltung und Liquidierung sich nicht doch einmal erschöpfen wird und durch etwas anderes ersetzt werden könnte. Wodurch? Es gab amerikanische Präsidenten, die gerade in Zeiten der Not visionär zum Neubeginn riefen.

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