200 Kassenvertragsstellen in Wien in Gefahr

Krankenkasse droht Ärztekammer mit der Streichung von 200 Planstellen - Wiener Ärztekammer warnt vor Rationierungen und Versorgungsengpässen in der Bundeshauptstadt

Wien (OTS) - Wien (OTS) - Die Honorare für die Wiener niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte müssen neu verhandelt werden, da die Honorarordnung zwischen dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und der Wiener Ärztekammer mit Jahresende ausläuft. Die Situation im Gesundheitswesen ist jedoch dramatischer als je zuvor, was sich besonders auf die Betreuungssituation der Wiener Patientinnen und Patienten auswirkt. Der Ärztekammer liegt ein Brief der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) vor, wo diese aufgrund der Finanzsituation der Kassen die Streichung von 200 Kassenvertragsstellen in Wien und eine Limitierung der Ausgaben für ärztliche Honorare und Arzneimittel fordert.****

Dr. Johannes Steinhart, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte und Vizepräsident der Ärztekammer für Wien, weiß, welche Auswirkungen dies auf die medizinische Versorgung in Wien hätte: "Kann sich die Ärztekammer bei den anstehenden Verhandlungen nicht erfolgreich gegen Hauptverband und GKK durchsetzen, werden die Wiener als erste die viel zitierten Rationierungen spüren und sich fragen müssen, ob ihr Arzt der nächste ist, der wegrationiert wird. Kommt die von der Kasse vorgeschlagene Ausgabenlimitierung, so können wir nicht einmal mehr das derzeitige Niveau an Kassenleistungen aufrecht erhalten. Damit ist der Weg in die Zwei-Klassen-Medizin frei." Gut situierte Patienten würden sich Ärzte und deren Leistungen dann am privaten Markt weiterhin leisten können, Schlechtverdiener müssten sich mit längeren Wartezeiten und weniger Leistungen beim Kassenarzt zufrieden geben, kritisiert Steinhart.

Längere Wartezeiten und Minimierung des Versorgungsstandards

Die Drohung des Hauptverbands, 200 Kassenplanstellen in Wien zu streichen, ist für die Wiener Ärzteschaft ein besonders harter Schlag. Steinhart: "Dieser Vorstoß ist der gesundheitspolitische Wahnsinn. 100 Allgemeinmediziner und 100 Fachärzte weniger in Wien bedeuten längere Wartezeiten, die Schließung von vorhandenen und wichtigen Ordinationen und die Minimierung des Versorgungsstandards in Wien." Die Reduzierung von 200 Kassenplanstellen bedeute, dass es in Wien 100 Allgemeinmediziner, 16 Gynäkologen, 16 Internisten, 13 Augenärzte, 12 Orthopäden, usw. weniger geben wird.

Statt die Spitäler zu entlasten und den ambulanten Bereich endlich zu stärken, wie dies bis jetzt noch jede Regierung in ihren Programmen und Sonntagsreden gesagt hat, werde nun das Gegenteil gefordert. Steinhart: "Als man die Ambulanzgebühr einführte, wollte man die Patienten damit in den niedergelassenen Bereich lotsen, nun werden die Patienten wieder ins Spital gehen, weil es weniger Ordinationen gibt und einige Leistungen beim niedergelassenen Arzt selbst bezahlt werden müssen."

Dabei gebe es bereits jetzt in ganz Österreich Versorgungslücken im ambulanten Bereich. Steinhart: "In Österreich gibt es beispielsweise noch immer keine Hauskrankenpflegevereinbarung für die Betreuung geriatrischer Patienten zuhause, was gerade in Zusammenhang mit den Vorgängen in Lainz kritisiert werden muss." Zudem gebe es österreichweit keinen einzigen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Kassenvertrag und die psychotherapeutische Versorgung im Kassenbereich sei nicht umgesetzt, so Steinhart.

Wien hat erhöhten Bedarf an medizinischen Leistungen

Die Weltstadt Wien hat aufgrund des urbanen Ballungsraumes einen höheren Bedarf an medizinischen Leistungen. Im internationalen Vergleich hätten andere Weltstädte aber ein viel besseres Versorgungsniveau als Wien. Steinhart dazu: "Die Kassenarztdichte liegt in Wien - obwohl österreichweit führend - eher unter dem internationalen Durchschnitt. Versorgungslücken und Wartezeiten sind in Wien keine Seltenheit." Von einer Überversorgung könne daher keinesfalls die Rede sein.

"Jede Regierung hat den Ausbau des niedergelassenen Bereichs gefordert, jetzt will man in Wien Kassenstellen wegstreichen. Noch gestern wurde der Bettenabbau von denselben Politikern propagiert, die heute 200 Kassenplanstellen streichen." - Steinhart ist dieser "Zick-Zack-Kurs der Politik" unverständlich, denn er gefährde Patienten: "Wir Ärzte haben den gesetzlichen Auftrag, nach State of the Art zu behandeln. Diesen Auftrag können wir aber nicht mehr erfüllen, wenn man uns die Möglichkeiten dafür nimmt."

Die Wiener Ärztekammer wird in den kommenden Verhandlungen gegen diese "vernichtenden Vorschläge" ankämpfen. Dabei ist die Ärztekammer bereit, sinnvolle Sparmaßnahmen, die nicht gegen die Patienten gerichtet sind, zu unterstützen. Steinhart: "Der Hauptverband könnte beispielsweise seine Marktmacht beim Medikamenteneinkauf ausspielen, dadurch könnten die Medikamentenausgaben drastisch verringert werden. Ein weiterer Vorschlag wäre, dass nur das billigste Medikament einer Wirkstoffgruppe von der Kasse bezahlt wird. Beharrt der Patient darauf, das Originalpräparat zu erhalten, muss er den Differenzbetrag selbst bezahlen".

Eine Kürzung der finanziellen Mitteln und damit des ärztlichen Betreuungsangebots werde man aber auf keinen Fall akzeptieren. "Dann müssen der Hauptverband und die Regierung den Patienten erklären, warum vielleicht gerade ihr Arzt oder ihre Ärztin nicht mehr ordinieren darf", so Steinhart abschließend. (bb)

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