Ärzte zu Pflege: Abgestufte Versorgung statt Großeinheiten

ÖÄK-Vize Dorner: Umwandlung von Pflegeheimen in Geriatriespitäler erforderlich - Pflegeschlüssel gehört angepasst -Niedergelassenen-Obmann Pruckner: "Wohnortnahe Versorgung sträflich vernachlässigt"

Wien (OTS) - Im Zusammenhang mit den Missständen rund um das Geriatriezentrum Wienerwald hat die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) vor dramatischen Versorgungslücken in der Betreuung gebrechlicher und pflegebedürftiger Senioren gewarnt. Insgesamt werfe die Lainzer Pflegemisere nur "ein Schlaglicht auf die sich zuspitzende Situation", warnte der geschäftsführende Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Prim. MR Dr. Walter Dorner, am Mittwoch in einer Aussendung. Generell zeichneten sich "immer bedrückendere personelle und organisatorische Engpässe" in der Altenbetreuung und -pflege ab. Werde dem Mangel an Pflegekräften nicht umgehend entgegengesteuert, sei zu befürchten, dass Vorkommnisse wie in Lainz kein Einzelfall blieben. "Der Handlungsbedarf ist akut", warnte Dorner. "Auf das System rollt eine gewaltige Problemlawine zu. Es gibt immer mehr hochbetagte und mithin immer mehr gebrechliche Senioren. Darauf muss man sich einstellen."

Als "hoffnungslos überaltert" bezeichnete Dorner vor diesem Hintergrund den herkömmlichen Pflegeschlüssel für Pflegeheime. Dieser reiche für eine Intensivpflege, wie sie aufgrund der aufgezeigten Entwicklung benötigt werde, nicht aus. Er plädiere daher dafür, Geriatriezentren in geriatrische Spitäler aufzuwerten, wo mehr Personal für die Betreuung des Einzelnen zur Verfügung stehe. Parallel dazu müsse die gesamte Palette einer abgestuften Versorgung genutzt und ausgebaut werden. "Das heißt: möglichst wenige große und zentrale Einheiten, viele kleine dezentrale Einheiten und unbedingt eine Stärkung der ambulanten Versorgung", so Dorner.

In diesem Zusammenhang kritisierte der Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte in der ÖÄK, Dr. Jörg Pruckner, die "bedenkliche Tendenz", auch in der Pflege möglichst viel in den intramuralen, teureren Bereich zu verlagern und den wohnortnahen Sektor zu vernachlässigen. "Während Pflegeheime Kapazitätsprobleme haben, geht im Bereich der wohnortnahen, individuellen Betreuung nichts weiter", kritisierte Pruckner. "98 Prozent der Pflegepatienten wünschen sich eine Betreuung zu Hause. Aber es scheint so, als wollten die Kassen ihre Verantwortung wegdelegieren. Die wohnortnahe Pflege ist sträflich vernachlässigt."

Von den erforderlichen Strukturen für eine angemessene Betreuung zu Hause sei man derzeit weit entfernt, berichtete Pruckner. So existiere keine funktionierende medizinische Hauskrankenbehandlung. Pruckner: "Das heißt: Weder eine moderne ärztliche Dekubitus-Behandlung für Pflegebedürftige zu Hause ist möglich, noch eine Sondenernährung". Stattdessen bestünden unzumutbare Bürokratiehürden wie die Chefarztpflicht für den Erhalt bestimmter Leistungen, Heilbehelfe und Heilmittel. "Das sind Schikanen, die einer sozialen Gesellschaft nicht würdig sind", so Pruckner. Weiters benötigt würden flexible ambulante Betreuungsstrukturen wie ärztliche Gruppenpraxen oder Kooperationen, durch die deutlich mehr Pflegepatienten wohnortnah betreut werden könnten. Doch auch hier herrsche Stillstand auf breiter Front, so der Niedergelassenen-Obmann.

"Wir brauchen in der Pflege eine Versorgung, die eines Sozialstaates würdig ist", betonte Pruckner abschließend. "Die Verantwortung dafür kann nicht wie eine heiße Kartoffel im Kreis herum gereicht werden. Das müssen sich die Gesundheitspolitiker und Kassen gerade anlässlich eines Falles wie in Lainz endlich vor Augen halten." (Schluss)

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