Wien verliert Handke-Uraufführung

Peymann übernimmt - Handkes Kommentar

Wien (OTS) - Peter Handkes U-Bahn-Monolog "Untertagblues", als Festwochen-Auftragsstück mit Gert Voss für das Wiener Akademietheater geplant, wird nicht in Wien uraufgeführt. Nach mehreren Verschiebungen seitens des vorgesehenen Regisseurs Luc Bondy findet die prestigeträchige Uraufführung nun im Frühsommer 2004 an Claus Peymanns Berliner Ensemble statt. Das berichtet NEWS in seiner morgen erscheinenden Ausgabe.

Die Uraufführung hätte erst im Juni 2003 und dann im September 2003 am Akademietheater stattfinden sollen. Bondy verschob schließlich auf September 2004 und hält gegenüber NEWS auch offiziell an diesem Termin fest. Laut Burgtheater-Direktion hat es allerdings "den Anschein, dass er es nicht machen wird. Das wäre ein harter Schlag, aber wir sind schwierige Menschen gewöhnt. Wir führen Gespräche wegen eines neuen Regisseurs." Am Premierentermin September 2004 will man ebenso festhalten wie am von Richard Peduzzi nach Bondys Angaben gefertigten, 200.000 Euro teuren Bühnenbild.

Damit begännen allerdings laut NEWS erst die Probleme: Namhafte Regisseure pflegen nicht in fremde Bühnenbilder zu arbeiten, und gegenüber einer Verlegenheitslösung hält sich Hauptdarsteller Gert Voss bedeckt: "Ich habe 65 Seiten Text gelernt, das sind etwa zwei Stunden netto. Mein letzter Stand ist, dass es mit Bondy noch Gespräche geben soll. Wenn das jetzt ein anderer Regisseur machen soll, kann ich die Sache derzeit nicht kommentieren." Das Scheitern der Produktion wäre laut NEWS nicht nur wegen des Bühnenbildes und zahlreicher fertiger Kostüme für stumme Rollen teuer - das Burgtheater hat auch Tantiemenverpflichtungen gegenüber dem Suhrkamp-Verlag.

Handke schildert die Vorgänge in NEWS so: "Es war mein Fehler. Ich habe mich überreden lassen, das Stück nicht einfach so, wie es normal ist, unter die Leute zu bringen. Dann hätte es vielleicht ein Junger, Unbekannter, den ich mir ohnehin gewünscht hätte, irgendwo gemacht. Lucs Enthusiasmus hat mich dazu bewogen, es ein Jahr lang nicht in den üblichen Lauf zu bringen. Aber dann hat es sich immer weiter verzögert. Ich hab’ schon gespürt, wie der Enthusiasmus immer mehr am Schwinden ist. ,Ich hab den Text ja ganz gern’ war das Letzte, was ich vor längerer Zeit noch von ihm gehört habe. So ist der Mensch." Und: "Wie es aussieht, wird die Uraufführung doch in die Hände des Claus Peymann fallen. Er ist ein Enthusiast, obwohl man es ihm nicht ansieht. Und zum Enthusiasmus ist er zusätzlich auch noch beständig."

Anders Bondys Version: "Das Stück ist scharf, aggressiv und voller Galgenhumor. Handke hat mir im Frühjahr des vergangenen Jahres das Stück zur Uraufführung anvertraut. Er kannte aus nächster Nähe die persönlichen Hintergründe meiner gesundheitlich angeschlagenen Situation. Künstler wie wir wissen, dass die erste Präsentation eines Stücks keine Spekulationsware auf dem Rialto ist, sondern produktive, von allen sekundären Störungen freigesetzte Bedingungen braucht, wenn eine dem künstlerischen Rang der Vorlage adäquate Aufführung entstehen soll. Handke selbst hatte ja nach der Erstaufführung seiner Sophokles-Bearbeitung ("Ödipus" an der "Burg", Anm.) ernste Zweifel, ob nicht das harsche, bisweilen überpointiert polemische Klima in Teilen der veröffentlichten Meinung den Resonanzboden für die Aufnahme dieses neuen Stückes falsch und gefährdend prädisponieren könnte. Er wollte, eine Woche, bevor ich die Regie niederlegen musste, die Aufführungsrechte zurückziehen, bis sich die Atmosphäre entspannt hätte. Eine bereits mit Sperrvemerk versandte Presseerklärung des Verlages hat er dann nach Rücksprache noch einmal zurückgezogen. Außerdem: Schon einmal hat es einem wichtigen Stück Handkes nicht gerade geschadet, dass ich es erst ,nach’-inszeniert habe." ("Die Stunde, da wir nichts von einander wussten". Anm.)

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