Afghanistans goldenes Erbe, von Elke Windisch

Auferstanden aus dem Safe: Anahita Der Tillya-tepe-Schatz überstand den Taliban-Sturm und braucht Unesco-Schutz

Wien (OTS) - Das legendäre Gold Baktriens, erst 1978 ausgegraben und vierzehn Jahre später wieder verschwunden, überstand den afghanischen Bürgerkrieg im Keller des Kabuler Präsidentenpalais.

Wassertropfen perlen aus den Falten ihres Hüfttuchs. Ihr Haar ist so blond wie der Weizen, den die eine Hand streut, während sie die andere auf die Hüfte stützt. Ihre Wohnung ist der Amu-Darja, Lebensader für das "Land der tausend Städte" Baktrien - wo Anahita als Wasser - und Fruchtbarkeitsgöttin verehrt wurde. In der Pose der Venus von Milo und mit ihren schweren, steilen Brüsten ein Bild, das Männeraugen träumerischen Glanz verleiht!
"Sprengstoff war das", sagt Viktor Sarianidi. "Vier Monate haben wir im Wüstensand gebuddelt, weit und breit keine Frau und dann dieser Fund". Unendlich behutsam fahren die Fingerspitzen seiner schweren, von Sonne und Sandsturm gegerbten Hand über die goldene Statue auf dem Hochglanzfoto. Mit Anahita, sagt Sarianidi, verbinde ihn trotz seiner fünfundsiebzig nach wie vor ein "zutiefst erotisches Verhältnis".
Und eine Hassliebe. Anahita steht für den größten Triumph seines Lebens und für seine bitterste Niederlage. Die Göttin gehört zu den schönsten Stücken des "Baktrischen Goldes" - rund 20.000 Einzelstücke, manche über ein Kilo schwer, reich mit Halbedelsteinen verziert und mit faszinierender Liebe auch zu oft nur millimetergroßen Details aus purem Gelbgold gegossen. Dieser "Schatz von Tillya-tepe" wurde unter Leitung von Sarianidi im Winter 1978/79 von einer sowjetischen Expedition in Baktrien, dem heutigen Nordafghanistan, ausgegraben - um vierzehn Jahre später, in den Wirren des Bürgerkriegs, spurlos wieder zu verschwinden. Er war nie öffentlich ausgestellt. Einige westliche Diplomaten waren im April 1992, gleich nach dem Sturz von Moskaus Marionette Najibullah, die letzten, die die Preziosen sahen.
Sechs Gräber bei Schiberghan
Als die Taliban im März 2001 die Buddhas von Bamyan zerstörten, forschte ein ZDF-Filmteam nach den verschwundenen Kostbarkeiten. Weil die Archäologen vor zwanzig Jahren Abdrücke gemacht hatten, konnten 200 der schönsten Artefakte originalgetreu rekonstruiert werden. Das Baktrische Gold sei unversehrt, verkündete am letzten Freitag Interimspräsident Hamid Karsai nach einem Gang in die unterirdischen Verliese des zerbombten Präsidentenpalais in Kabul. Museumsbeamte hatten es dort kurz vor dem Einmarsch der Taliban versteckt und den Code für das Schloss der schweren Stahltore, von denen jeder nur eine der insgesamt sechs Ziffernfolgen kannte, auch nach bestialischen Schlägen nicht preisgegeben. Dass Karsai das Geheimnis jetzt lüften ließ, soll offenbar Rückkehr zur Normalität vortäuschen, von der Afghanistan noch Lichtjahre entfernt sei, sagt Sarianidi.
Sechs Kisten, jede mit Inventarliste, hatte er am 12. Februar 1979 im damals weltberühmten Nationalmuseum im Kabuler Villenvorort Dar-u-Aman - heute ein einziger Schutthaufen - abgeliefert. Sechs Gräber hatte Sarianidis Trupp in nur vier Monaten bei Schiberghan freigelegt. Tillya-tepe (übersetzt: Goldhügel) ist die Totenstadt längst vermoderter Könige. Die Flussgöttin Anahita, geflügelt wie alle Bewohner des alt-iranischen Götterhimmels, aber mit dem indischen Status-Mal auf der Stirn und griechischem Faltenwurf im Gewand, sollte die junge Fürstin aus Grab 1 auf die Reise ins Jenseits begleiten.
Im Grab nebenan, wo den Archäologen die leeren Augenhöhlen eines männlichen Schädels entgegen gähnten, kamen Prunkdolche, Trinkgefäße und Schließen ans Tageslicht. Das Gold erzählte schon nach flüchtiger Reinigung Geschichten aus den Götterwelten zwischen Hellas und Hindukusch: Protagonisten sind griechische Eroten, die auf Delfinen reiten, die schaumgeborene Aphrodite, der Sonnengott Mithras, der im Altertum im gesamten vorderen Orient verehrt wurde, und der iranische Kriegsgott Schahrevar in parthischer Rüstung.
Grab 4 barg realistische Tierdarstellungen, Panther und Leoparden, die Antilopen zerfleischen, Greifvögel und Rentiere, typisch für nordasiatischen Nomadenvölker. An sie erinnert eine Schamanenkrone, für lange Reisen zu neuen Weidegründen gedacht und daher zusammenfaltbar.
Im Kalten Krieg sei es opportun gewesen, Entdeckungen der Sowjets niedrig zu hängen, glaubt Sarianidi. Nur die Fachwelt war sich sofort einig: Dieser Schatz von Tillya-tepe gehört in die gleiche Gewichtsklasse wie das Gold Tut-ench-Amons und die Terrakotta-Armee aus der Frühzeit der chinesischen Kaiser. Ungeschickt versuchte Afghanistans Zentralbankchef Anvar ul Haq Ahadi am Freitag den nominellen Wert des Goldes in Greenbacks umzurubeln - und kam dabei auf immerhin 20 Millionen US-Dollar.
Von Alexander dem Großen erobert
25 unscheinbare Münzen mit den Bildnissen des Partherkönigs Phraates und des römischen Kaisers Tiberius ermöglichten die Datierung des Schatzes: Die Jahre kurz vor und kurz nach der Zeitenwende, als in Nordafghanistan jene Dynastie die Macht übernahm, die den Multikulti-Mischmasch von Tillya-tepe hervorbrachte: die Kuschan. Baktrische Goldschmiede, schon um 1000 v. Chr. erstaunlich versiert, greifen griechische Motive auf, als Alexander der Große die Gegend um 330 erobert und Kolonisten aus Hellas ansiedelt. 150 Jahre später wankt der gräkobaktrische Staat der Seleukiden unter dem Ansturm von Steppennomaden. Zuerst kommen die Saken, die später nach Iran abziehen, dann die Yue-zhi, ein Reitervolk aus Nordwestchina, das die Hunnen vor sich hertreiben. Einer ihrer sieben Stämme reißt schließlich die Oberherrschaft an sich: die Guischang - ein Wort, das im iranischen Idiom Baktriens zu Kuschan wird. Schnell finden sie Gefallen an der überlegenen Hochkultur der Unterworfenen und bereichern sie um Tierdarstellungen und religiöse Vorstellungen aus der alten Heimat.
Ihr Großreich, aufgeblüht durch Kontrolle über den Seidenstraßenhandel, zerstören jedoch schon um 250 n. Chr. die iranischen Sassaniden-Schahs. Die Totenstadt im Goldhügel bleibt ungeplündert: In der Nacht nach jedem offiziellen Prunkbegräbnis wurden die Toten in schlichte Holzsärge umgebettet, an einem neuen Ort verscharrt, die Leichenträger erstochen.
Vergeblich bestürmte Sarainidi schon in den Achtzigern die Unesco und die großen Museen des Westens, das Baktrische Gold bis zum Ende des Bürgerkriegs in Afghanistans treuhänderisch auf der Grundlage eines Staatsvertrages zu verwalten und auszustellen. Ein Appell, den er jetzt in modifizierter Form erneuert: Die Unesco müsste sich bei der afghanischen Regierung dafür verwenden, dass die Kollektion unter ihrer Schirmherrschaft und Kontrolle in einem Land ihrer Wahl von einem internationalen Experten-Team und mit afghanischer Beteiligung fertig restauriert und anschließend ausgestellt wird. Die Eintrittsgelder sollten für den Wiederaufbau des Nationalmuseums in Kabul verwendet werden - "im Namen Anahitas", sagt Sarianidi und hebt

beschwörend die Hände. Aus Griechenland liegt ein inoffizielles Angebot bereits vor.

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