Sorgen der Bauern sind Sorgen Österreichs

Wien (OTS) - Es gilt das gesprochene Wort

Rede von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil anlässlich der Eröffnung der "Rieder Messe" am 2. September 2003

Sehr gerne habe ich die Einladung angenommen, auch in diesem Jahr wieder die traditionelle Rieder Messe zu eröffnen, symbolisiert sie doch mehrere Dinge auf einmal:

Mit ihr - so sagt man - beginnt der politische Herbst. Und auch wenn zunehmend die Sommerpause der Politik ins Hintertreffen gerät, so setzt doch eine umfassende Aktivität in Österreich erst nach dieser wichtigen landwirtschaftlichen Leistungsschau ein.

Weiters versinnbildlicht die Rieder Messe das Bauern-Land Österreich. Damit meine ich, dass eine Region wie Österreich die ländlichen Strukturen, aus denen sie besteht, nicht vergisst.

Die Rieder Messe zeigt aber auch, dass die heimische Landwirtschaft zu den Aushängeschildern Österreichs gehört. Unsere naturnahe Produktion von Lebensmitteln, die der Qualität den Vorrang vor der Quantität einräumt, braucht keinen internationalen Vergleich zu scheuen. Insbesondere gilt das auch von Oberösterreich, und ich möchte den oberösterreichschen Landwirten - stellvertretend für alle Bäuerinnen und Bauern unseres Landes - aufrichtig für ihre Arbeit und ihren tagtäglichen Einsatz danken:

  • Denn sie sind es, die seit Jahrhunderten die Schönheit und Unversehrtheit unserer Landschaft sichern;
  • sie garantieren die Produktion gesunder und frischer Lebensmittel für Stadt und Land;
  • und sie bewahren seit Jahrhunderten einen wichtigen Teil des österreichischen Bewusstseins, des besten Österreichertums.

Dabei sind die Probleme unserer Landwirte nicht jene des bettelarmen Waldbauernbuben, wie er uns etwa in Peter Roseggers Geschichten begegnet - und auch nicht jene, die uns in den verkitschten Bildfolgen so mancher Heimatfilme gezeigt werden. Es sind heute vielmehr wirtschaftliche Strukturprobleme, komplizierte Finanzierungsfragen, Produktionsentscheidungen, Fragen der Technisierung und Rationalisierung sowie Überlegungen zur Gesundheits- und Altersvorsorge der bäuerlichen Familie. Fragen also, die unmittelbar die Politik herausfordern.

Es ist meine Überzeugung, dass die Verantwortlichen für Staat und Gesellschaft die Probleme der Landwirtschaft ganzheitlich und im großen Zusammenhang sehen - und dass wir ein unzweideutiges Bekenntnis ablegen sollen:

• Die Sorgen unserer Bauern müssen die Sorgen des ganzen Landes

sein. Und ihre Anliegen dürfen weder von der Politik negiert, noch Objekt parteipolitischen Taktierens werden;

  • das gilt auch im Verhältnis zur Europäischen Union wie im Verhältnis zu anderen - oft sehr potenten - Agrarlieferanten;
  • es ist weiters von größter Bedeutung, die Überzeugung unserer

Bauern zu festigen, dass sich ihr Einsatz lohnt und ihre Mühe geschätzt wird. Vor allem die jungen Bäuerinnen und Bauern müssen überzeugt werden, dass die Landwirtschaft in Österreich eine gute Zukunft hat.

Ich sage das vor allem auch vor dem Hintergrund der Dürreperiode -und den möglicherweise klimatisch langfristigen Veränderungen in der Zukunft. Dabei stehen wir auch noch unter dem Eindruck der verheerenden Hochwasserkatastrophe des Vorjahres - wie vor den Überflutungen der letzten Tage im Gail- und Kanaltal. So wird uns allen immer wieder bewusst, dass wir trotz modernster Technik und größter Sorgfalt letztlich den Gewalten der Natur unterworfen sind. Und als ich mit dem Herrn Landeshauptmann im letzten Jahr die verwüsteten Gebiete in Oberösterreich besucht habe, da wurde mir bewusst, dass Umweltbewusstsein keine Sache von Wenigen mehr sein kann. Die große Solidarität hat jedenfalls gezeigt, dass unsere Landsleute dies erkannt haben.

Dass 2003 in der Landwirtschaft als Jahr der Wasserknappheit in die Geschichte eingehen wird, unterstreicht nur, wie wichtig es ist, mit der Natur, im Einklang mit ihr, zu denken, zu leben und zu planen. Das freilich ist keine nationale Angelegenheit, sondern eine globale. Und es gilt daher, aus dem Zeitalter der Globalisierung eine echte Chance für unsere Welt, für unsere Umwelt, zu machen. Gefragt eine globale Solidarität.

Solidarität und Politik werden auch gefordert sein, wenn im kommenden Jahr die Erweiterung der Europäischen Union Realität wird. Ich meine aber, dass kein Grund besteht, der Öffnung der Märkte verunsichert entgegen zu blicken. Viel klüger und besser ist es, sich rechtzeitig auf die eigenen Stärken zu besinnen, Marktnischen zu besetzen und ansonsten die österreichische Lebensmittelqualität noch weiter zu forcieren. Erinnern Sie sich bitte: Unsere Bauern waren seinerzeit ja auch mutige Trendsetter in Bezug auf biologische Produkte, auf naturnahe Produktion und artgerechte Tierhaltung.

Und noch etwas: In keinem anderen Land Europas hat sich die Landwirtschaft dem Fremdenverkehr so sehr geöffnet wie bei uns. Aber Österreich könnte sich seinen guten Ruf als führendes mitteleuropäisches Ferienland ohne die Pflege der Kulturlandschaften durch unsere Bauern nicht bewahren. Dass das seinen Preis hat, steht außer Frage. Auch ist zum Beispiel der "Urlaub auf dem Bauernhof" weit mehr als ein Tourismus-Gag: Er macht es möglich, dass die Kinder und Enkelkinder überhaupt den Rhythmus von Wachsen und Vergehen in der Natur miterleben und die Arbeit der Bauern kennen- und schätzen lernen sowie eine Beziehung zu den Tieren aufbauen können.
Die vergangenen Tage und Wochen werden auch von einem innenpolitischen Thema beherrscht, das von Oberösterreich ausgehend unser ganzes Land betrifft: die Privatisierung der Voest-Alpine. Die Gespräche, in welcher Form genau diese Privatisierung stattfinden soll, sind noch im Gange, und es scheint mir daher nicht angebracht, durch eine kantige Wortwahl einzugreifen. Trotzdem glaube ich, dass es einige Kernpunkte gibt, über die ein überparteilicher Konsens erzielt werden sollte. Ein solcher Konsens muss von einigen zentralen Überlegungen geleitet sein, nämlich:

  • Der Erfolgskurs der Voest muss langfristig gesichert sein.
  • Ebenso langfristig müssen die Arbeitsplätze gesichert sein.
  • Die Möglichkeit, österreichische Interessen zu wahren, muss erhalten bleiben.
  • Es geht weniger um den Zeitpunkt, als vielmehr um die Nachhaltigkeit der Privatisierung.
  • Der Standort Linz darf nicht abgewertet werden; das bedeutet,

dass die Voest auch in Zukunft das bleiben soll, was sie immer war:
ein Symbol für den Wiederaufbau Österreichs, ein Symbol für den Wohlstand und für den Fleiß der Menschen, für die Konkurrenzfähigkeit und den Erfolg unserer Heimat.

Meine Damen und Herren!

Seit Beginn meiner Amtszeit, vor nahezu 12 Jahren, habe ich entweder die Rieder oder die Welser Messe eröffnet. Diese Messen waren und sind eine Art Erntedankfest - und eine Gelegenheit, unseren Bauern ein "Dankeschön" zu sagen. Ein Dankeschön für Ihre harte, aber segensreiche und unverzichtbare Arbeit.

Und noch etwas bedeuten für mich die Rieder wie die Welser Messe:
Nämlich die Gelegenheit, dem Bundesland Oberösterreich zu gratulieren. Hier hat sich - europaweit einzigartig - eine Region entwickelt, in der eine erfolgreiche Landwirtschaft mit einer höchstentwickelten Industrie kooperiert. Oberösterreich ist auch jenes Land, in dem sich wichtige europäische Handelswege mit Touristenströmen kreuzen. Hier haben die Geographie und die besondere Struktur des Landes eine Rolle gespielt, sehr wohl aber auch Fleiß und Optimismus seiner Bewohner. Ich gratuliere dem Land Oberösterreich dazu und wünsche allen Landesbürgern weiterhin viel Erfolg!

In diesem Sinne erkläre ich die "Rieder Messe 2003" für eröffnet.

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