"Kleine Zeitung" Kommentar: "Es wird Zeit, Ausschau nach Alternativkandidaten zu halten" (Von Ernst Naredi-Rainer)

Ausgabe vom 30.08.2003

Graz (OTS) - Salzburg muss bald über die Zukunft seiner
Festspiele nachdenken.

Die Rekordbilanz der Salzburger Festspiele scheint den Kurs von Intendant Peter Ruzicka zu bestätigen. Prompt tauchen Stimmen auf, die eine Vertragsverlängerung bis 2011 fordern.

Da auch Salzburgs Landeshauptmann Franz Schausberger in dieses Horn tönt, stellt sich natürlich die Frage, welche Programmpolitik hier prolongiert werden soll. Darauf eine präzise Antwort zu geben, fällt schwer. Ruzicka steht nämlich für keine klare Linie.

Gewiss, er hat zu seinem Amtsantritt ein hübsches Fünf-Säulen-Modell vorgestellt, auf dem seine Dramaturgie ruht. Aber diese Grundsatzüberlegungen hat er, von Finanznöten geplagt, bereits im zweiten Sommer über Bord geworfen.

Just dort, wo es darum gegangen wäre, die internationale Strahlkraft der Salzburger Festspiele zu nützen, um Mauerblümchen des Repertoires ins Rampenlicht zu rücken, ging der Intendant den Weg des geringsten Widerstandes. "Die Bakchantinnen" des Exil-Österreichers Egon Wellesz und "Die ägyptische Helena" des Festspielmitbegründers Richard Strauss präsentierte er nur in konzertanten Aufführungen, von denen kein Anstoß zur Neubewertung der beiden Opern ausgehen konnte.

Nicht eben für das goldene Händchen des Intendanten spricht auch, dass er just mit der Eröffnungsproduktion den eklatantesten Flop landete. Die Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" durch seinen Protegé Stefan Herheim erntete vernichtende Kritiken und provozierte in fast jeder Aufführung lautstarke Auseinandersetzungen zwischen dem Publikum und den Künstlern. Über Regiearbeiten kann man unterschiedlicher Meinung sein, aber eine mediokre Besetzung auf Repertoireniveau spricht dem Festspielgedanken und den bis zu 350 Euro reichenden Preisen Hohn.

Gérard Mortier fuhr in Salzburg einen klaren ästhetischen Kurs, den man goutieren oder ablehnen konnte. Bei Peter Ruzicka hingegen herrscht, auch in den Konzerten, ein hohes Maß an Beliebigkeit, stehen klug konzipierte Programme und nur auf die Einnahmen schielender Starkult in seltsamem Kontrast nebeneinander.

Mitarbeiter, aber auch Künstler beklagen hinter kaum vorgehaltener Hand noch einen weiteren gewichtigen Unterschied: Ruzicka sei zu wenig präsent, zu oft unerreichbar.

Gewiss: die Kassa stimmt. Aber reicht das für die Führung der bedeutendsten Festspiele der Welt? Die Entscheidung über eine Vertragsverlängerung des Intendanten muss erst im Herbst 2004 fallen. Aber bereits jetzt wäre es klug, über Alternativen nachzudenken. ****

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