Ulrich Seidl im Tripelpack: ORF zeigt drei Werke des preisgekrönten Filmprovokateurs

TV-Premiere von Venedig-Erfolg "Hundstage" und preisgekröntem "Jesus, Du weißt" sowie "Spaß ohne Grenzen"

Wien (OTS) - Mit seinen kontroversen und mitleidlosen Arbeiten hat Ulrich Seidl, der österreichische Meister der Filmprovokation, stets für heftige Diskussionen gesorgt - und dabei zahlreiche internationale Preise eingeheimst. Seinen bisher größten Erfolg konnte der gebürtige Wiener bei den Filmfestspielen von Venedig feiern, wo seine - vom ORF kofinanzierte - Milieustudie "Hundstage" mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. In den nächsten Tagen zeigt der ORF drei von Seidls Werken, darunter erstmals auch sein Spielfilmdebüt "Hundstage". Den Auftakt des Tripelpacks macht am Sonntag, dem 31. August 2003, um 23.45 Uhr in ORF 2 die Dokumentation "Spaß ohne Grenzen" aus dem Jahr 1998, in der Seidl die Rekordhalterin im Besuch von Freizeitparks porträtiert. Im Rahmen der "Donnerstag Sommernacht" steht am 4. September erstmals die bereits mehrfach preisgekrönte Venedig-Erfolgsproduktion "Hundstage" (22.00 Uhr, ORF 1) auf dem ORF-Programm. Am Sonntag, dem 7. September, präsentiert der ORF mit "Jesus, Du weißt" (23.15 Uhr, ORF 2) eine weitere TV-Premiere. Der kürzlich erst in Karlsbad ausgezeichnete Dokumentarfilm, in dem Seidl Menschen porträtiert, die in sehr enger Beziehung zu Jesus Christus stehen, lief soeben beim Filmfestival Locarno und ist im September zum Filmfestival Toronto geladen.

"So genial hat schon lange keiner mehr an der Klimaanlage gedreht"

Zwei Jahre ist es jetzt her, dass Ulrich Seidl mit seiner heftig umstrittenen Milieustudie "Hundstage" bei den Filmfestspielen von Venedig für Furore sorgte. Die Festivalteilnahmen und der Preisregen auf Seidl haben seither kein Ende genommen. New York, Sundance, Gijon, Rotterdam und Bratislava sind einige der internationalen Stationen, die der Film bereiste, wo er die Gemüter anheizte und die Nationen spaltete. Denn Seidl geht in "Hundstage", wie auch in früheren Werken, kritisch und schonungslos mit der österreichischen Realität um. "Meine Filme schauen hinter verschlossene Türen, ins intime Privatleben. Die Verstrickungen empfinden viele nicht als angenehm", sagte Seidl in einem Interview. Wolfgang Lorenz, ORF-Filmkommissionsmitglied und Leiter der ORF-Abteilung Planung und Koordination, verglich Seidl einst mit dem Literaten Samuel Beckett und dem Maler Francis Bacon: "Beides Meister der Ausweglosigkeit, der Endgültigkeit und der Lächerlichkeit menschlicher Existenz." Und "'Hundstage' - diesen Film schaut man sich nicht an, er schaut einen an. Nicht der Film, man selbst ist sich dabei oft unerträglich. Das ist keine einfache Spazierfahrt durch einen privaten Jurassicpark zufällig entdeckter Existenzen. Auch hier täuscht uns Seidl: Diese anderen sind wir, diese 'Hundstage' sind die unseren. 34 Grad im Schatten unserer Zivilisation. Sehr heiß und sehr kalt. So genial hat schon lange keiner mehr an der Klimaanlage gedreht."

Menschen, wie sie wirklich sind

Wo Ulrich Seidl draufsteht, ist auch Ulrich Seidl drin: Der durch seine kontroversen und oft provokativen Dokumentationen wie "Good News", "Die letzten Männer" oder "Tierische Liebe" bekannt gewordene Wiener Filmemacher hat auch in seinem Spielfilmdebüt "Hundstage" die österreichische Realität im Visier. Der Film zeigt die Alltagshölle in einer Wiener Stadtrandsiedlung während der brütend heißen Hundstage, im Mittelpunkt des Films stehen zwölf Durchschnittsmenschen. Ihre Geschichten sind miteinander verwoben und geben Einblick in ihren Alltag, einen Alltag zwischen Autobahnauffahrten, Shoppingzentren und Einfamilienhaussiedlungen in all seiner subtilen Tragik. In sechs Episoden stellt Seidl ungeschönte, vom Leben diktierte Szenen dar. In einem Klima von Aggression, Spielen und Gewalt sieht man das wahre Gesicht der Vorstadt. Der schonungslose Naturalismus des Films wird durch die geschickt gewählte Besetzung - teils professionelle Schauspieler, teils Laien - unterstützt.
"Die Authentizität ist die Stärke dieses Films. Ich glaube, dadurch schafft man es auch, den Zuschauer in eine Welt hineinzuziehen", so Ulrich Seidl. Und weiter: "Es wird dem Zuschauer nicht so leicht gemacht, sich ins Kino zu setzen, um sich eine Welt vorführen zu lassen. Er wird hineingezogen und muss sich dabei mit sich selbst konfrontieren." Seidl zu den im Film dargestellten Personen: "Ich zeige Menschen so, wie sie in Wirklichkeit aussehen, und nicht die geschönte Wirklichkeit, die man überall sieht. Ich finde die Menschen, die ich zeige, nicht böse, sondern menschlich, und kann mich in vielerlei Hinsicht mit ihnen identifizieren."

Zur Person Ulrich Seidl

Der 1952 geborene, in Wien lebende Filmemacher Ulrich Seidl studierte in Wien Publizistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Sein Studium finanzierte er mit Jobs als Nachtwächter, Lagerarbeiter und als Medikamenten-Versuchskaninchen. Erst mit 26 Jahren entschloss er sich, die Filmakademie zu besuchen, die er nach seinem Debüt "Einsvierzig" (1980) und dem umstrittenen Film "Der Ball" (1982) frühzeitig wieder verließ. Dennoch machte er sich einen Namen als Filmemacher: Bekannt wurde Seidl 1990 durch "Good News", einen Film über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Wiener Zeitungskolporteuren. Es folgten "Mit Verlust ist zu rechnen" (1992), ein Film über österreichisch-tschechische Grenzbegegnungen, sowie "Die letzten Männer" (1994), in dem er sich mit der Vorliebe österreichischer Männer für asiatische Ehefrauen auseinander setzt. 1995 entstand "Tierische Liebe", eine umstrittene satirische Dokumentarstudie über die Tierleidenschaft vieler Österreicher. "Busenfreund" hieß das Porträt eines ungewöhnlichen Mathematiklehrers aus dem Jahr 1997. Mit der Semidokumentation "Models" (1998) über Licht- und Schattenwelt des Modeldaseins wagte Seidl erstmals den Schritt in eine neue Richtung, weg vom reinen Dokumentarfilm hin zum Spielfilm. "Hundstage" markiert eine bedeutende Weiterführung dieser Idee und ist zugleich Seidls erster Spielfilm, mit dem er den Großen Preis der Jury bei den 58. Filmfestspielen in Venedig 2001 gewann.

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