"Die Presse" Glosse: "Eine Frage der Intelligenz" (von Josef Urschitz)

Ausgabe vom 29.8.2003

Wien (OTS) - Wie schön sind doch gediegene Vorurteile: Amerikaner sind relativ ungebildete Menschen mit bemitleidenswerten geografischen Kenntnissen, ihr auf kurzfristigen Shareholder-Value aufgebautes Wirtschaftssystem lässt jede Nachhaltigkeit vermissen, neben den Superreichen vegetiert die Bevölkerung ohne Sozialsystem in heruntergekommenen Vorstädten dahin. Ein tönerner Koloss, der nur noch auf militärischen Beinen steht.
Und wie ernüchternd sind dagegen die Fakten: Der statistische Durchschnittsamerikaner erwirtschaftet um 40 Prozent mehr als sein europäischer Kollege, der sogenannte Aufholprozess der EU ist nichts als Selbstbetrug, in praktisch allen Hochtechnologiebereichen liegen die USA voran, weit mehr als ein Drittel der Welt-Forschungsaktivitäten finden in den Staaten statt. Eigentlich erstaunlich für reichlich ungebildete Schnösel, die im Schnitt nicht einmal wissen, wo Österreich liegt. (Kleine Nebenaufgabe für hiesige Bildungsbürger: Zählen Sie ganz schnell die Nachbarstaaten von Wisconsin auf).
Im Ernst: Man muss das amerikanische System nicht unbedingt voll kopieren, es hat (vor allem im Sozialbereich) genügend Schwächen. Aber es ist ein bisher ungeschlagenes Erfolgsmodell. Da ein wenig abzukupfern, wäre ein Zeichen für Intelligenz, nicht für "Unterwürfigkeit". Und zu glauben, dass die europäischen "Vorzüge" schon einmal wirken werden, wenn man nur lange genug wartet, ist der Hochmut, der vor dem tiefen Fall kommt.

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