"Die Presse" Leitartikel: "Die Einsamkeit des Überzeugungstäters" (von Thomas Vieregge)

Ausgabe vom 28.8.2003

Wien (OTS) - Selbst bei glühenden Labour-Anhängern hat sich Ernüchterung über ihre einstige politische Lichtgestalt eingestellt. Schmusesänger Cliff Richard, Tony Blairs Gastgeber im Urlaubsdomizil auf Barbados, zeigte sich von ihm enttäuscht - "als Mensch und Christ". Richards Stimme spiegelt die Stimmung in Großbritannien wider: Der britische Premier hat massiv an Glaubwürdigkeit eingebüßt, seit er sich in die Fallstricke der Irak-Krise verheddert und auf Gedeih und Verderb der US-Regierung ausgeliefert hat. Schon musste er sich die Frage gefallen lassen: "Haben Sie Blut an Ihren Händen?" Wenn sich Blair heute im Gerichtssaal 73 des Londoner High Court dem Kreuzverhör der Untersuchungskommission der Kelly-Affäre stellt, schlägt ihm womöglich die Stunde der Wahrheit - einer Wahrheit, die er sich allem Anschein nach schön geredet hat. Zugleich erlebt die britische Demokratie eine Sternstunde in Transparenz und Wahrhaftigkeit: Lordrichter Brian Hutton hat alle Dokumente für das Internet freigegeben. Sie offenbaren einen Blick hinter die Kulissen von Whitehall und Downing Street, den Londoner Machtzentren: ein Sittenbild über die Verführung der Macht, über politischen Druck, die kleinen Tricks und die großen Manipulationen.
Diese Enthüllungen müssen den selbst ernannten Moralisten Tony Blair ins Mark treffen, war er doch am 1. Mai 1997 ausgezogen, das Königreich von Kopf bis Fuß umzukrempeln - um hernach die Welt zu retten. Vom Glamour von "Cool Britannia" ist nicht mehr geblieben als abgestandene Parolen, der Glanz von "New Labour" ist matt geworden, das Modell des "Dritten Wegs" und sein Prophet haben ausgedient. Die Infrastruktur - das Verkehrs-, Gesundheits- und Schulwesen - ist so desolat wie eh und je, verlottert seit der Ära Thatcher. Blair versuchte halbherzig, die öffentlichen Dienste aus der Malaise zu führen - ohne Auswirkungen. Noch im Wahlkampf hatte er mit dem Argument geworben, dieses Projekt erfordere mehr als eine Legislaturperiode.
Und wo bleibt die groß angekündigte Kampagne für die Euro-Einführung? Blair schiebt sie vor sich her, fürchtet er doch den Widerstand der Öffentlichkeit, vor allem des Murdoch-Blatts "Sun". Innenpolitisch sind die Reformvorhaben stecken geblieben. Schuld daran ist ein Premier, der augenscheinlich jedes Interesse daran verloren hat.
Mit umso größerer Verve stürzt er sich in die Weltpolitik. Auf der internationalen Bühne fühlt er sich in seinem Element, hier fabuliert er über seine Vision von einer gerechten Weltordnung. Darum kam ihm der 11. September - so paradox dies klingt - gerade recht, um seinem missionarischen Impetus freien Lauf zu lassen und die unliebsamen Aufgaben zu Hause hintanzustellen.
Im Afghanistan- und Irak-Krieg profilierte er sich als unerschütterlicher, gleichwohl ungleicher Kampfgefährte von George W. Bush. Wo der eine mit Rhetorik brilliert, spricht der andere die Sprache des Tatmenschen. Gegen Nachrede hat "Bushs Pudel", so sein Spottname, indessen vorgesorgt: "Die Geschichte wird uns vergeben." Die brustschwache Tory-Opposition braucht der einstige Mediendarling derweil nicht zu fürchten, umso mehr aber die Presse und die Opposition innerhalb der eigenen Reihen, die bereits mehrmals die Palastrevolte geprobt hat. Um den Überzeugungstäter, den am längsten amtierenden Labour-Premier, ist es recht einsam geworden. Bis zum Jahr 2010, ließ er wissen, wolle er im Amt bleiben und sich nach dem Abgang seines "Mephisto" Alastair Campbell ein neues Image verpassen. Ob sein Rivale, Finanzminister Gordon Brown, bei der Metamorphose ruhigen Herzens zusehen wird? Hartnäckigen Gerüchten zufolge haben die beiden zu Beginn der Blair-Ära einen Deal ausgeheckt, demzufolge Brown Blair zu Mitte dieser Amtszeit ablöst - im Herbst also. Bis ins Alter wird der 50-Jährige wohl nicht durchhalten, so wie es seine Frau Cherie in einem Party-Karaoke-Hit der Beatles besingt: "When I'm Sixty-Four."

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