"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der erhobene Zeigefinger wird die Geburtenrate nicht steigern" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 27.08.2003

Graz (OTS) - Es ist eine Ironie: Einmal lässt Elisabeth Gehrer hinter ihrem oft groben Gehabe echte Sorge erkennen und wird dafür durch Sonne, Mond und Sterne geschossen.

Denn der Grundbefund, den die VP-Vizechefin den 35-Jährigen ausstellt, ist nicht so falsch, wie jetzt alle scheinheilig tun.

Vor allem im urbanen Bereich ist in den letzten Jahrzehnten eine mehrheitlich erfolgreiche und ideologiefreie Generation junger Leute herangewachsen, die in der Vergangenheit weder Grund zu Klagen noch zu übermäßiger Freude gab. "Sie führen sich wie Teenager auf und sind trotzdem nicht ganz glücklich", zitiert die Schweizer "Weltwoche", die der "Generation Minigolf" eine ihrer letzten Ausgaben gewidmet hat, den Journalisten Volker Marquardt. Dessen Buch "Das Wissen der 35-Jährigen" erscheint im Herbst.

Ein jugendliches Freizeit- und Konsumverhalten, das früher mit dem 20. Lebensjahr zu enden hatte, sei das Privileg einer kinderlosen Single-Generation, die bisher wenig Grund sah, erwachsen zu werden, lässt die "Weltwoche" etwas weiter auch den Zürcher Soziologen François Höpflinger zu Wort kommen. Und ein 35-jähriger Musiker sagt: "Bedeutende Dinge vertritt meine Generation keine. Ich kenne kaum jemanden, der etwas Großes für die Gesellschaft leistet."

Was unterscheidet diese illusionslose Eigencharakterisierung nun so sehr von den harten Worten, welche die Ministerin für die 35-Jährigen übrig hat?

Nur wenig. Es ist Elisabeth Gehrers tantenhafte Diktion, die stört. Der Rat an die Jungen, nicht auf Partys rumzuhängen, sondern gefälligst Kinder zu machen, zeigt ebenso wenig Einfühlsamkeit in die Lebenswelt junger Leute, wie es Kanzler Schüssels verächtliche Worte über die "Internet-Generation" taten. Sie kaschieren lediglich die Hilflosigkeit der Politik.

In Wahrheit weiß Gehrer ganz genau, dass die rasante Individualisierung unserer Gesellschaft irreversibel ist. Persönliche Glücksmaximierung und Freiheitsverliebtheit sind die traurige Denaturierung von Werten, die wir alle nicht missen wollen:
Demokratie, Pluralismus, individuelle Freiheit.

Was ist die Alternative dazu? Ein Rückfall in den Mutterkreuz-Totalitarismus? Die Besteuerung von Kondomen?

Aufgabe der Politik ist es nicht, mit erhobenem Zeigefinger unsinnige Ratschläge zu erteilen, sondern Konzepte zu liefern, die die noch kinderlosen Jungen mit Werten wie Familie, Verantwortung und Solidarität versöhnen. Das von Schwarz-Blau so hoch gelobte Kindergeld kann so toll nicht sein. Sonst würde die VP-Vizechefin nicht so große Verbitterung erkennen lassen. ****

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