"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Ende der Illusionen" (Von Floo Weissmann)

Ausgabe vom 21. August 2003

Innsbruck (OTS) - Der Terror gegen die UNO in Bagdad beendet viele Illusionen. Die USA können den Widerstand nicht mehr als Rückzugsgefecht versprengter Saddam-Fans kleinreden, während sich die Lage täglich bessere. Sabotage, Überfälle und Anschläge wirken immer besser vorbereitet. Die Weltmacht hat die Verantwortung für die Sicherheit im Irak an sich gerissen und muss jetzt einräumen, dass sie diese nicht gewährleisten kann. Niemand könnte das derzeit. Allen Spekulationen zum Trotz ist unklar, wer im Irak mit welchen Zielen gegen wen kämpft. Sicher ist nur, dass die Alliierten dramatisch unterschätzt haben, was nach dem Krieg auf sie zukommt. Spätestens seit Dienstag sollte auch der glühendste anglo-amerikanische Heilsbringer in der Realität angekommen sein. Bei der UNO wird, wenn der Schock abgeklungen ist, ein Nachdenken über ihre Rolle einsetzen müssen. Der Plan, sich neben den verhassten Besatzern als humanitärer Freund zu etablieren, ist nicht aufgegangen. Plötzlich steht das Schwarz-Weiß-Bild in Frage, in dem alles besser wird, wenn New York statt Washington führt. Legitimität mittels UNO spielt in der Innenpolitik der Kriegsgegner eine Rolle. Für die Iraker und vor allem jene Gruppen, die jetzt ihre Stunde gekommen sehen, bleibt es bei Fremdbestimmung. Die jüngste Eskalation der Gewalt in Afghanistan und im Kosovo zeigt die Grenzen und Irrwege von UNO-Missionen auf. Die Herausforderung im Irak erfordert neues Denken.
Der Anschlag vom Dienstag hat klar gemacht, dass es im Irak eine gemeinsame Anstrengung und einen gemeinsamen Masterplan aller Beteiligten und bisher Unbeteiligten braucht. Das Land sich selbst oder allein den Alliierten oder der UNO zu überlassen, wäre zu gefährlich. Die Kriegsgegner werden in den sauren Apfel beißen müssen, den andere gepflückt haben. Und die Welt wird sich auf neue Horrormeldungen aus Bagdad einstellen müssen. Auch darüber ist spätestens am Dienstag jede Illusion zerbrochen.

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