"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein gefährlicher Drahtseilakt der diplomatischen Vermittler" (von Ralph Schulze)

Ausgabe vom 19.08.2003

Graz (OTS) - Dramatische Fragen erfordern besonnene Antworten.
Diese Regel gilt auch für den Verlauf der spektakulären Geiselnahme der 14 europäischen Touristen. Monatelang schwiegen die Diplomaten in der Öffentlichkeit, handelten aber zugleich hinter den Kulissen. Und sie taten gut daran. Denn dieser unglaublich verwickelte terroristische Entführungsfall, der zudem von Geldmotiven begleitet wird, ließ sich nicht mit lautem Getöse und Kriegsgetrommel lösen.

Die diplomatische Vermittlungsarbeit gleicht freilich einem gefährlichen Drahtseilakt. Denn was kann ein demokratischer Rechtsstaat, der sich zum internationalen Kampf gegen den Terrorismus verpflichtet hat, überhaupt zur Freilassung der Geiseln anbieten? Staatliches Lösegeld zweifellos nicht, denn dies würde einer Einladung an kriminelle Trittbrettfahrer gleichkommen, umgehend weitere Menschen zu verschleppen. Keine Nation der Welt kann in einem Jahrhundert wachsender Terrorgefahren den Eindruck aufkommen lassen, sie sei erpressbar.

Es sei denn, dieser Staat heißt Libyen, der schon seit einigen Jahren versucht, sich vom Ruf zu befreien, ein Schurkenstaat zu sein und arabische Terroristen zu finanzieren. Neuerdings bemüht sich der libysche Staatschef Muammar Gaddafi um versöhnliche Gesten mit der westlichen Welt. Hohe Entschädigungszahlen für frühere Terroranschläge gehören in das bemerkenswerte Kapitel.

Dieser libysche Wandel kommt nun auch den 14 europäischen Sahara-Geiseln zugute, für deren Freiheit sich die Gaddafi-Stiftung, Seite an Seite mit westlichen Diplomaten, einsetzte. Und offenbar auch zahlte. Für dieses Engagement muss man zunächst einmal, und zwar ohne Wenn und Aber, dankbar sein.

Libyen hatte vor drei Jahren schon einmal westliche Geiseln freigekauft, die von islamistischen Terroristen auf den Philippinnen gekidnappt worden waren. Damals wie heute werden die Gaddafi-Gesandten ihren islamischen Glaubensbrüdern hoffentlich klar gemacht haben, dass ihre kriminellen Aktionen dem islamischen Ansehen und Kampf eher schaden als nutzen. Und dass auch der Ölstaat, der ebenfalls zum Revier jener für die Sahara-Entführung verantwortlichen GSPC-Terroristen gehört, erpresserische Nachfolgetaten nicht hinnehmen kann.

Aber dies gilt erst recht für die westliche Staatengemeinschaft, die nach der Freilassung der Geiseln alle Hebel in Bewegung setzen wird, um die Terroristen hinter Gitter zu bringen. Notfalls mit einer Jagd um den ganzen Globus. ****

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