"Die Presse" - Kommentar: "Einkaufen am Sonntag? Bitte um die Qual der Wahl!" von Doris Kraus

Ausgabe vom 19. August 2003

Wien (OTS) - Endlich sehen die Österreicher ihren Finanzminister
so wie die Bürger der meisten Länder: als Beelzebub mit Hörnern und Bocksfuß. Der Grund dafür ist allerdings ein anderer als anderswo:
Nicht die Belastungen des Geldbörsels sind's, die der Österreicher Zorn gegen ihren einst so populären Finanzminister erregen, sondern Grassers unheiliger Vorschlag, doch die Ladenöffnungszeiten ganz zu liberalisieren.
Alle waren sich einig, von den Grünen bis zur ÖVP, vom Handel bis zu den Gewerkschaften: Diese Idee ist Teufels Werk und daher abzulehnen. Der Sonntag hingegen ist heilig, Gottes Auftrag an den hart arbeitenden Menschen, wenigstens einen Ruhetag einzulegen. Alles klar, Ende der Debatte.
Die Mehrheit hat zwar in einer Demokratie per definitionem immer Recht, in der Sache kann sie aber dennoch falsch liegen. Das gilt vor allem dann, wenn die Meinung der Bürger von jenen repräsentiert wird, die handfeste eigene Interessen vertreten. Und dabei eine nicht ganz unbedeutende Gruppe völlig außer Acht lassen: die Konsumenten, die in einem Land wie Österreich traditionell bevormundet werden - wenn angeblich auch zu ihrem eigenen Besten.
Doch irgendetwas stimmt hier nicht, an diesem Bild. Wieso finden es doch recht viele Österreicher akzeptabel, den heiligen Sonntag damit zu verbringen, nach Ungarn zu stauen und dort ihr Geld zu lassen? Weil die ungarischen Angestellten so weit hinter unseren Sozialstandards zurückliegen, dass sie gefälligst auch am Sonntag arbeiten sollen, um ein bisschen aufzuholen? Und wieso kommen Österreicher aus Städten wie London oder Paris so oft mit einem positiven Eindruck zurück? Nur der Denkmäler wegen? Nein, wohl auch deshalb, weil sie gerade in einer Gesellschaft zu Gast waren, die ihnen nicht den Kauf von Brot, Milch, frischem Gemüse, Schuhen oder einem Fernsehapparat verbietet, nur weil zufällig gerade Sonntag ist. Dann ist da auch noch das Argument der Kirche. Sie hat für den Sonntag den Besuch des Gottesdienstes vorgesehen. Sehr gut. Aber wie groß ist die Menge jener, die bei der Wahl zwischen Einkaufstempel und Kirche in einen Gewissenskonflikt geraten würden? Eher klein, würde ich mal schätzen. Die Liberalisierungs-Zielgruppe sind wohl eher jene, die sich bereits jetzt am Sonntag freiwillig dem Freizeitstress unterwerfen. Außerdem wird ja wohl niemand den Österreichern so wenig Eigenverantwortung zutrauen, dass sie nicht entscheiden können, was ihnen wichtiger ist. Und was spricht dagegen, am Vormittag in die Kirche und davor zum Bäcker oder am Nachmittag ins Elektrofachgeschäft zu gehen?
Das Wichtige in einer offenen Gesellschaft aber ist, dass man als mündiger Konsument die Wahl hat. Auch als mündiger Arbeitnehmer. Alle demografischen Untersuchungen zeigen, dass die Gesellschaft immer komplexer wird, alte Familienstrukturen zerbröseln und durch neue ersetzt werden. Die Politik reagiert auf Veränderungen in der Regel zu langsam und mit dem Reflex des Systemerhalters. Hier hätte sie einmal die Chance, kreative Lösungen für jene zu finden, denen die traditionelle "nine to five"-Arbeitsformel nicht mehr ins Leben passt.
Der Handel stöhnt natürlich bei dem Gedanken, auch noch am Sonntag in die Konkurrenz mit den großen Ketten gezwungen zu werden und teures Personal bezahlen zu müssen. Doch das Beispiel anderer Länder zeigt: Diese defätistische Haltung ist unangebracht. Denn erstens wird selbst in Konsummetropolen wie London niemand gezwungen, die Rollläden am Sonntag offen zu halten. Und zweitens hat sich die Sonntagsöffnung in anderen Großstädten gerade für kleine oder spezialisierte Geschäfte als wahrer Segen herausgestellt.
Nur - und damit sind wir wieder beim Punkt: Sie haben die Wahl. Eine Wahl, die nach dem Willen der lauten Mehrheit in Österreich Konsumenten und Unternehmern wohl bis zum Sankt Nimmerleinstag versagt bleiben wird.

doris.kraus@diepresse.com

Ist die Sonntagsöffnung Teufels Werk? Mitnichten. Sie akzeptiert, dass es in Österreich mündige Konsumenten und Unternehmer gibt.

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