"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das ganze Land hätte eine Gewissenserforschung nötig" (Von Hans Winkler)

Ausgabe vom 14.08.2003

Graz (OTS) - Nicht nur Tempo 160: Zustände auf den Strassen sind schlimm.

Wenn man Leserbriefe, Internet-Tratschseiten und Umfragen liest, muss man zur Überzeugung kommen, wir Österreicher seien ein Volk von lauter besonnenen und vernünftigen Autofahrern, die rücksichtsvoll sind und sich an die Verkehrsregeln halten. Nur eine kleine Minderheit von "Rasern", meistens Dienstwagenfahrer in BMW, Mercedes und Audi mache die Straßen unsicher.

Schon eine zweistündige Fahrt von Graz nach Wien auf der Südautobahn belehrt einen darüber, dass das leider nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Auf vielen Streckenabschnitten und nicht nur im dreispurigen Bereich zwischen Seebenstein und Baden bewegt sich die Kolonne auf der linken Spur irgendwo zwischen 150 und 170 kmh.

Es sind nicht einzelne verantwortungslose Subjekte, die so schnell -wenn man will: viel zu schnell - fahren, sondern tausende und es sind nicht nur die Fahrer großer Autos mit 200 PS. Auch ein Kleinauto geht heute 180 und viele Lenker fahren auch so schnell.

Als der VP-Klubobmann der im Steiermärkischen Landtag die Debatte über 160 auf den Autobahnen lostrat, fand er zunächst viel Zustimmung. Erst langsam begannen sich die Gegner zu formieren und die Debatte zu bestimmen.

Sie brachten auch jenen Ton in die Auseinanderstzung, der für die Gegner von Tempo 160 eine höhere Moral in Anspruch nimmt. Seinen argen Höhepunkt fand das im Vorwurf des Verkehrsexperten Knoflacher an Drexler, dessen Vorschlag sei "geistesgestört".

Jetzt, da die sommerliche Gluthitze vorüber scheint und wir vielleicht wieder einen kühleren Kopf haben, sollte tatsächlich eine ernsthafte Debatte beginnen: Nicht nur über Tempo 160, sondern über die Zustände auf unseren Straßen und warum sie so schlimm geworden sind. Aufgerufen dazu sind nicht nur die Autofahrerklubs und die Exekutive, die Politiker, die Bildungsinstitutionen, die Kirchen, aufgefordert dazu sind wir alle. Ein ganzes Volk müsste Gewissenserforschung betreiben.

Aber zum Besseren ändern wird sich nur etwas, wenn wir die Heuchelei lassen und sich die einen nicht gleich für die Besseren halten, weil sie gegen Tempo 160 sind - womit sie wahrscheinlich sogar Recht haben.

Denn die "Raser" und "Drängler", die Rechtsüberholer und Hineindränger, die Unvorsichtigen und Hektiker, die Trödler und "Bei-Rot-in-die-Kreuzung-Fahrer", die Spurblockierer und Übertreter aller möglichen Vorschriften sind nicht immer die anderen, das sind wir alle selbst. ****

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