"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Lotto, die neue Sucht" (Von Gerd Glantschnig)

Ausgabe vom 14. August 2003

Innsbruck (OTS) - Wie das Licht die Motten zieht das italienische Lotto die Menschen an. Von Lotto-Fieber ist die Rede. Kein Wunder bei einem Rekord-Jackpot von 66 Millionen Euro. Diese fiebrige Erkrankung breitet sich nun sogar über die Landesgrenzen aus. Denn Deutsche und Österreicher machen sich ebenfalls auf den Weg zu den Lotto-Büros im sonnigen Süden.
Die Chance, im italienischen Lotto die sechs Richtigen aus 90 Zahlen zu tippen, ist ungefähr so groß wie die Chance, fünfmal hintereinander vom Blitz getroffen zu werden. Doch wer will schon vom Blitz getroffen werden?
Was treibt die Menschen in derartigen Massen in die Lotto-Büros? Ist es Ziellosigkeit, Übersättigung, ist es schlicht pure Langeweile oder die schweißtreibende Hitzewelle? Auch die Politik bietet kaum mehr Unterhaltenswertes. Jedenfalls dürfte zumindest in Österreich die Chance, im Lotto den Jackpot zu knacken, zur Zeit wohl größer sein, als die Hoffnung auf baldige Steuersenkung. Übrigens ist nicht zu vergessen, dass der Staat an den Lottomillionen kräftig mitverdient. Er hat schließlich das Glücksspielmonopol.
Und der Staat scheut sich auch nicht, dieses Monopol zu verteidigen. So hat kürzlich ein Spieler aus Kärnten die Casinos Austria AG erfolgreich auf Schadenersatz geklagt, weil man ihn trotz seiner bekannten Spielsucht nicht vom Spieltisch ferngehalten hat. Dem Kärntner wurden 500.000 zugesprochen. Casinos Austria wird gegen das Urteil berufen, und in einer Presseaussendung heißt es nahezu kabarettreif: "Grundsätzlich hält Casinos Austria die Auswirkungen des vorliegenden Urteils auf Spielgäste für therapeutisch negativ, da es sie im Glauben spielen lässt, verlorene Einsätze zurückzubekommen."
Wovon lebt denn, bitte sehr, die staatliche Glücksspielindustrie? Doch wohl gerade vom Glauben der Menschen, ihre Einsätze samt Gewinn zurückzubekommen, oder nicht?

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