Streikdrohung in Zeiten der Luftfahrtkrise

"Presse"-Leitartikel vom 14.08.2003/von Martin Fritzl

Wien (OTS) - Die AUA-Piloten sind eine der streikfreudigsten
Gruppen in Österreich - und das obwohl sie gleichzeitig eine der privilegiertesten Gruppen sind. Gehälter, von denen - auch nach den nun angekündigten Kürzungen - die meisten nur träumen können und ein trotz der Klagen über die Arbeitsbedingungen interessanter Job sprechen für sich. Dass Piloten auch international ihre Standesinteressen häufig mittels Streiks durchzusetzen versuchen, liegt ganz einfach darin begründet, dass sie wie kaum eine andere Berufsgruppe mit einfachen Mitteln ein gehöriges Chaos auslösen können.
Ob die AUA-Piloten mit dem angedrohten Streik sich selbst viel Gutes tun, ist dagegen fraglich. Die internationale Luftfahrtindustrie ist in den vergangenen beiden Jahren in eine tiefe Krise geschlittert, der sich auch die heimische Luftlinie nicht entziehen kann. 30 Milliarden Dollar Verluste haben die internationalen Fluggesellschaften in den vergangenen beiden Jahren zusammen eingeflogen. Die großen amerikanischen Gesellschaften versuchen gerade, sich mittels eines Konkursverfahren zu entschulden und streichen massenhaft Jobs. Auch in Europa stehen einige - wie etwa die Schweizer Swiss - knapp vor der Pleite.
Die Terroranschläge vom 11. September, der Konjunktureinbruch und die Lungenkrankheit Sars werden allgemein als Auslöser für die missliche Lage genannt, die Ursachen liegen aber tiefer. Die Luftfahrt leidet seit Jahren an einer strukturellen Krise. Während in anderen Branchen die Strukturbereinigung längst stattgefunden hat und einige Große und viele kleine Nischenanbieter das Bild prägen, gibt es in der Luftfahrt immer noch eine Unzahl an Playern. 270 international tätige Flugunternehmen sind registriert, 170 davon im Linienflug. Sie alle sind zu klein, um die Kostenvorteile eines Branchenriesen nutzen zu können - und die meisten zu groß für einen schlanken Nischenanbieter.
Das wird sich aber nicht ändern, so lange Landerechte eine nationale Angelegenheit sind. Wer wohin wie oft fliegen darf, das machen sich nämlich die Regierungen untereinander aus. Die Landerechte sind dann daran gekoppelt, dass die jeweilige Fluglinie auch einen nationalen Eigentümer haben.
Damit sind landesübergreifende Übernahmen unmöglich. Die Lufthansa beispielsweise könnte die AUA nicht kaufen, ohne mit den Landerechten den wesentlichen Wert des Unternehmens aufgeben zu müssen. Die Allianzen, die die Fluglinien statt dessen gebildet haben, sind nur eine Notlösung. Sie steigern vielleicht die Auslastung mancher Fluggesellschaften, verbessern die Kostenstruktur aber nicht wesentlich.
Verschärft wurden die Strukturprobleme noch durch weitere Entwicklungen: Das Auftreten von Billig-Fluglinien zwingt die etablierten Airlines, ihre Preise deutlich nach unten anzupassen. Und immer weniger Geschäftsreisende sehen ein, dass sie für praktisch dieselbe Leistung den deutlich teureren Business-Tarif zahlen sollen. Der aber wiederum ist für die Profitabilität der Luftlinien entscheidend.
Die Rahmenbedingungen werden sich so bald nicht ändern, die nationalen Fluglinien müssen ihre Strukturen anpassen. Und das bedeutet: Die Kapazitäten reduzieren (was nicht ganz so leicht ist, weil die überflüssigen Flugzeuge derzeit unverkäuflich sind), neue Kunden im boomenden Billig-Sektor ansprechen, und die Kosten reduzieren. Und ein wesentlicher Teil der Kosten sind eben die Personalkosten.
Ob es klug von den Piloten ist, mit Streik zu reagieren und damit die Krise im Unternehmen noch weiter zu verschärfen, sei dahingestellt. Die AUA ist keine ÖBB: Hilfe von der öffentlichen Hand kann es nicht geben, das verbietet schon das EU-Recht. Und von einem letalen Crash der AUA hätten auch die Piloten nichts. Die Zustände am Arbeitsmarkt sind ja derzeit auch nicht allzu rosig. Viele arbeitslose Piloten sind bereit, zu Dumpingpreisen zu fliegen, nur um ihre Lizenz zu erhalten.

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