"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Moral und die Manager oder: Gelegenheit macht Diebe " (von Rainer Strunz)

Ausgabe vom 08.08.2003

Graz (OTS) - Alle reden davon, aber kaum jemand hält sich daran. Der Corporate Governance Kodex, im letzten Oktober aus der Taufe gehoben, wird in Österreich wahrscheinlich ebenso oft zitiert wie ignoriert. Was vor allem daran liegen dürfte, dass diese so genannten "Wohlverhaltensregeln" gerade in sensiblen Fragen wie Transparenz und Fairness löchrig sind wie ein Schweizer Käse.

Ein aktuelles Beispiel: Wienerberger, RHI oder OMV veröffentlichen bereits jedes Wertpapiergeschäft ihrer Organe für alle Aktionäre sichtbar im Internet. Damit hat es sich aber auch schon.
Für die Voestalpine ist dies eine freiwillige Vorleistung, der man nicht folgen muss. Meldungen an die Finanzmarktaufsicht, verlautet aus Linz, seien "ausreichend".

Damit bleiben unzählige Deals von Vorständen und Aufsichtsräten im Dunkeln. Transparenz ja, aber nicht bei Aktiengeschäften, heißt es bei der überwiegenden Mehrzahl der an der Wiener
Börse notierten Gesellschaften, was letztlich dazu führt, dass fragwürdige Aktienkäufe wie jener des Voest-Chefs Franz Struzl erst ein Jahr später der Öffentlichkeit bekannt wurden.

Über die Beweggründe, mit Insiderwissen kräftig abzuzocken, kann man lang diskutieren, fest steht, dass beileibe nicht nur in Österreich der Anteil jener Manager wächst, für die Geld eine
zu hohe Priorität hat. Das fängt bei kleinen, vielleicht nicht strafbaren Vergehen an und hört bei riesigen Betrügereien auf, die die Vermutung nähren, die gefährlichsten Straftäter seien die Manager im eigenen Unternehmen.

Die mangelnde "Distanz" zum Geld kommt aber auch in den Gagen zum Ausdruck. Mögen die Zeiten auch härter werden, Manager verdienen immer besser. Bei DaimlerChrysler hat sich die
Führungsriege im eher miesen Vorjahr 113 Prozent mehr gegönnt, bei Siemens 90 Prozent, die Lufthansa honorierte den Einsatz in schwierigen Zeiten mit einem Plus von 100 Prozent.

Die gigantischen, von den Aufsichtsräten genehmigten Zuwächse sind ebenso wie die strafrechtlichen oder auch nur moralischen Ausfälle von Topmanagern in den letzten Monaten
natürlich kein Zufall, sondern System. In fast allen Aktiengesellschaften regiert ein so genanntes "Old Boys Network", ein Netzwerk von Vorständen und pensionierten "alten Herren", die mit sehr viel Verständnis mal hier eine Gehaltserhöhung und dort einen Bonus für den Vorstand bewilligen und mit sehr wenig Elan die Geschäfte kontrollieren. Solange das so bleibt, gilt
"Gelegenheit macht Diebe" nicht nur fürs gemeine Volk. ****

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