"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Die Party geht weiter" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 08.08.2003

Wien (OTS) - Sie verdienen gut, haben Macht und genießen Anerkennung und bekommen dennoch nie genug: Männer wie Finanzminister Karl-Heinz Grasser oder voestalpine-Chef Franz Struzl bestätigen mit aller Deutlichkeit, was der Philosoph Arthur Schopenhauer vor fast zweihundert Jahren so formuliert hat: "Reichtum gleicht dem Meerwasser: Je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man."
So unterschiedliche Charaktere der öffentlichkeitsgeile Politiker und der eher zurückgezogene agierende Stahlmanager auch sein mögen, eines verbindet sie: Der Mangel an Gspür dafür, was man sich in einer Spitzenposition leisten darf - und das Gefühl, unangreifbar zu sein. Grasser hat sich seine Homepage mit Kinderfotos und einer exhibitionistischer Selbstdarstellung von der Industriellenvereinigung bezahlen lassen; Struzl hat zu einem Zeitpunkt an der Börse Aktien der VAE gekauft, zu dem er wissen musste, dass die voestalpine ihm (und allen anderen Kleinaktionären) ein gewinnträchtiges Rückkaufangebot machen würde.
Der Staatsanwalt hat darin "Insiderhandel" gesehen; Struzl hat den Gewinn aus der Aktientransaktion gespendet (ebenso wie Finanzminister Grasser die Honorare, die er für seine Vorträge haben wollte), er hat darüber hinaus 50.000 Euro "Diversion" bezahlt und sich damit weitere Verfolgung durch Staatsanwalt und Gerichte erspart.
Abgesehen davon, dass es für den Generaldirektor der voestalpine ein Zeichen mangelnder Managementkompetenz wäre, hätte er von der bevorstehenden VAE-Transaktion wirklich erst aus den Medien erfahren, zeugt der Aktienkauf von grober Missachtung aller Börseregeln. Die Wiener Börse ist ohnehin als "Vienna Insider Party" verschrien, weil die Umsätze gering, die handelnden Personen einander gut bekannt und die Kurse daher relativ leicht steuerbar sind. Sich da nicht umso penibler an Regeln und Gesetze zu halten, zeugt von Dummheit, Überheblichkeit, Ignoranz, Gier oder einfach von einem eklatanten Mangel an politischem Anstand.
Spitzenmanager beziehen zu Recht fette Einkommen - nicht ausschließlich wegen ihrer Tüchtigkeit, sondern auch deshalb, damit sie finanziellen Versuchungen dieser Art widerstehen. Dieser Verantwortung müssen Männer wie Struzl auch gerecht werden. Ansonsten haben sie die Folgen zu tragen.
Wenn der Aufsichtsrat der voestalpine in seiner heutigen Sitzung das Rücktrittsangebot von Struzl annimmt, ist ohnehin alles klar. Wenn nicht, wäre das für den bisher erfolgreichen und verdienten Spitzenmanager eine goldene Brücke, um freiwillig den Hut zu nehmen. Ausrutscher wird es immer geben, aber es wäre für Wirtschaft und Börse unerträglich, dass die Party ungeniert weiter geht, obwohl alle wissen müssten, dass längst Sperrstunde ist.

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