160 KM/H: MEHR UNFÄLLE, MEHR STAUS!

KfV: Was passiert bei 160 km/h? Zu langer Bremsweg, massiv erhöhte Aufprallgeschwindigkeit, mehr Unfälle, höhere Verletzungsschwere

Wien (OTS) - Die Diskussionen rund um Tempo 160 km/h auf unseren Autobahnen - hervorgerufen durch den Vorstoß eines steirischen Politikers - beschäftigen derzeit die Öffentlichkeit. Dass bei über 30 Grad Hitze sich so manche/r einen frischen Wind ersehnt, scheint verständlich - wer sich sein kühles Lüftchen allerdings durch Brausen bei offenem Fenster mit 160 km/h auf der Autobahn holen will, ist falsch beraten. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) spricht sich entschieden gegen eine "Aufstockung" der Geschwindigkeit auf Autobahnen aus. Besonders bitter scheint diese Forderung im Angesicht der Tatsache, dass die Anzahl der Getöteten im Straßenverkehr wieder steigt und der langjährige Abwärtstrend durchbrochen wird. Die Anzahl der Verkehrstoten steigt kontinuier-lich an. Bis 3. August ließen 532 Menschen ihr Leben auf Österreichs Straßen, um 13 mehr als im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres! Die Hauptunfallsursache Nummer eins war auch in diesen Fällen überhöhte Geschwindigkeit.

Vollbremsung mit 160 km/h = 103 km/h Aufprallgeschwindigkeit

KfV-Direktor Dr. Othmar Thann: "Diese katastrophale Entwicklung ist komplett konträr zur angepeilten und im Österreichischen Verkehrssicherheitsprogramm verankerten dauerhaften Reduktion der Verkehrstoten um 50 Prozent bis zum Jahr 2010. Eine Erhöhung der Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen würde nicht nur eine größere Verletzungsschwere mit sich bringen, sondern auch zusätzliche Todesopfer. Was nützt es wenn man zwar schnell unterwegs ist, aber dafür nie am Ziel ankommt?" KfV-Experten lassen durch ein einfaches Rechenbeispiel eine Erhöhung der Fahrgeschwindigkeit im Sinne der Verkehrssicherheit schnell alt aussehen: Wer mit 130 km/h fährt und vor einem plötzlich auftauchenden Hindernis bremst kommt nach 113 Metern zum Stehen, mit 160 km/h erst nach 161 Metern, der Bremsweg verlängert sich um 51 Prozent! Der drastische Vergleich: Wenn ein Fahrer, der mit 130 km/h unterwegs ist bei einer Notbremsung vor einem Hindernis gerade noch zum Stehen kommt, würde der Lenker, der 160 km/h gefahren ist, mit einer Restgeschwindigkeit von 103! km/h auf dieses Hindernis prallen - hier hilft in den meisten Fällen nicht einmal mehr der Notarzt.

Deutschland: Hohe Verkehrsstärke lässt rasen nicht zu

Dass in Deutschland schneller gefahren werden darf und dennoch weniger Unfälle als in Österreich passieren, räumt KfV-Experte DI Klaus Robatsch aus: "Es ist eine Irrmeinung, dass auf deutschen Autobahnen unbegrenzt gefahren werden darf. Es gibt nicht nur sehr viele Geschwindigkeitsbeschränkungen, sondern auch viel höhere Verkehrsstärken. Das bedeutet, dass in Deutschland ein Autofahrer aufgrund der hohen Verkehrsstärke selten die freie Geschwindigkeit wählen kann." In Österreich besteht ein doppelt so hohes Unfallrisiko wie in der Schweiz, wo 120 km/h gefahren werden darf und ein vierfaches Risiko wie in Großbritannien - dort darf nur bis 112 km/h Gas gegeben werden. Übrigens, auch die erlaubte Geschwindigkeit von 150 km/h in Italien besteht derzeit nur auf dem Papier - es gibt keine Strecke wo so schnell gefahren werden darf.

Ziehharmonika-Effekt: Staubildung durch hohe Geschwindigkeiten

Auch wenn es widersinnig klingen mag - eine Erhöhung der Tempolimits bedeutet mehr Staus. Zahlreiche Studien belegen, dass die optimale Geschwindigkeit, um einen fließenden Verkehr zu gewährleisten, zwischen 60 und 80 km/h liegt. Diese Geschwindigkeit kann jedes Fahrzeug problemlos fahren. Staus entstehen durch eine Art Ziehhar-monika-Effekt: Wenn ein Fahrzeug 100 km/h und nicht die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h fährt (z.B. Wechsel des Fahrstreifens, Ablenkung durch Telefonieren, Auto fährt nicht so schnell, Steigung etc.) muss das dahinter fahrende Kfz, das mit 130 km/h unterwegs ist, abbremsen auf zumindest 99 km/h, um dem vorderen Fahrzeug nicht aufzufahren (in der Regel weiter darunter). Alle weiteren Fahrzeuge müssen wiederum stärker bremsen, um unter 99 zu fallen usw. bis letztendlich das erste Auto bei Tempo null angelangt ist und der Stau seinen Anfang nimmt. Bei 160 km/h müsste stärker gebremst werden, d.h. das Fahrzeug würde weiter unter die vor ihm gefahren Geschwindigkeit fallen und - neben der Gefahr eines Auffahrunfalls - wäre das Verkehrschaos perfekt.

KfV warnt vor trügerischer Sicherheit in schnellen Autos

Das KfV warnt auch vor blindem Vertrauen in die moderne Technik. KfV-Chef Thann: "Menschen können zwar mit Hilfe der Technik 150, 160 oder mehr km/h erreichen. Für das Erkennen des damit verbunden Gefahrenpotenzials fehlt ihnen aber das nötige Sinnesorgan. Naturgesetze und Physik kann man eben nicht ausschalten. Hohe Geschwindigkeiten sind bei modernen Autos kaum mehr wahrnehmbar. Dies verführt zu allzu trügerischer Sicherheit und damit zu Fahrlässigkeit bzw. Raserei. Daher fordern wir eine strikte Einhaltung und Überwachung der vorhandenen Höchstgeschwindigkeiten - und keine Schildbürgerstreiche." Laut internationalen Studien könnte bereits eine Senkung der durchschnittlich gefahrenen Geschwindigkeit um nur ein km/h einen Rückgang von zwei bis drei Prozent der Unfälle bewirken. Die Zahl der Todesopfer würde sich damit um fünf Prozent verringern.

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Kuratorium für Verkehrssicherheit
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