"Kleine Zeitung" Kommentar: "Bundespräsident: Die Trauer des Kandidaten nach der Wahl" (Von Hans Winkler)

Ausgabe vom 07.08.2003

Graz (OTS) - Ein Nachruf auf das höchste Amt im Staat ist nicht angebracht.

Vom Bundespräsidenten Theodor Körner ist ein Ausspruch überliefert, den er nach seiner Wahl 1951 gemacht hat: "Schau, ich bin sehr traurig. Ich war gern Bürgermeister in Wien, da konnte man was machen; jetzt soll ich der Bundespräsident werden. Hat ja gar keinen Sinn. Ich habe ja nur kandidiert, weil ich überzeugt war, daß ich nicht gewählt werde".

Körner drückte damit die allgemeine Auffassung aus, die man damals von diesem Amt hatte: Man kann darin nichts beweeen. Zugleich war das Amt mit einer fast sakralen Aura umgeben, die sich aus der Monarchie über die erste Republik hinweggerettet hatte. Die Entscheidung Karl Renners, den Amtssitz in die Hofburg, in die Räume, in denen sechs Kaiser residiert hatten, zu verlegen, tat ein übriges.

In den 70er Jahren begann ein Wandel, den Bruno Kreisky einleitete. In Rudolf Kirchschläger fand er den Mann , der scheinbar die Lager überbrückte, als "moralische Autorität" anerkannt wurde und zugleich keine politischen Schwierigkeiten machte.

Die bitteren Konflikte um Kurt Waldheim rissen das Amt dann aus seiner zeremoniellen Abgeschiedenheit auf das Feld der tagespolitischen Auseinandersetzungen. Der Bundespräsident wurde zu einem Politiker wie andere auch.

Thomas Klestil machte diesen Wandel in seiner Kandidatur 1992 zum Thema. Er wollte ein Präsident sein, der sich den Parteien und der Regierung gegenüberstellte: "Politik braucht Kontrolle," lautete das Schlagwort, das ihn zum Erfolg führte. Damit entsprach er einem Bedürfnis in großen Teilen der Bevölkerung, die des rot-schwarzen Machtsystems überdrüssig geworden war.

Klestil wollte eingreifen und gestalten, anfangs wollte er auch ein "Politiker zum Angreifen" sein und stellte dann verwundert fest, dass er auch angegriffen wurde. Bei der Regierungsbildung 2000 erlitt er ein Fiasko, das er nicht verwand. Enttäuscht zog er sich in die innere Emigration zurück. Auch schon vor ihrem offiziellem Ende ist Klestils Amtszeit Vergangenheit geworden.

Dennoch werden diese zwölf Jahre und die Erfahrungen der Republik mit Klestil ihre Folgen haben. Ein Zurück zu den beschaulichen Gründerjahren der Zweiten Republik, zu einem bloßen republikanischen Zeremonienmeister in der Hofburg kann es nicht mehr geben.

Es wird aber auch Kandidat mehr mit überzogenem politischen Anspruch auftreten können und sich damit der Gefahr aussetzen, Erwartungen zu wecken, die er nicht einlösen kann. ****

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