"Die Presse" Kommentar: "Das Klima ändert sich, das Wetter bleibt katastrophal" (von Thomas Kramar)

Ausgabe 7.8.2003

Wien (OTS) - Heiß soll's bleiben, hat er g'sagt": In allen Dörfern und Freibädern, in allen städtischen Gärten und doch noch besetzten Arbeitsplätzen gipfeln die Konversationen in diesem Satz. "Er", das ist im Österreichischen seit alters her die Stimme, die im Rundfunk das Wetter verkündet, keine noch so ansehnliche ORF-Meteorologin und schon gar nicht die gezwungen lasziven ATV-Wetterfeen haben diese männliche Schein-Dominanz brechen können.
Es schwingt Vertrauen in die (mediale) Obrigkeit und in die Wissenschaft mit in diesem Satz, aber auch ein wenig Skepsis: Wie oft hat "er" sich schon geirrt! Wären wir nicht mit Bauernregeln à la "Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie's ist" genauso gut bedient? Es ist, scheint's, eine Frage der Lebenseinstellung: Pessimisten, die auch sonst in jedem trüben Bächlein den Untergang des Abendlands sehen, glauben aus (verregneter) Erfahrung, dass die Wettervorhersage zumindest nicht besser geworden ist. Optimisten und Fortschrittsgläubige aller Couleurs versichern, dass die himmlische Schar der Wettersatelliten nicht ergebnislos bleibt.
Was kurzfristige Wettervorhersagen anlangt, haben sie wohl recht: Für Prognosen der nächsten zwei, drei Tage muss die Flut an Daten einfach etwas bringen. Bei längerfristigen Voraussagen ist das Wort "Prophezeiung" eher angebracht: Komplizierte und, hier passen die Modewörter, sowohl multifaktorielle als auch vieldimensionale hydrodynamische Vorgänge in der Atmosphäre lassen sich erstens nicht leicht in Modelle fassen. Zweitens regiert hier oft das Chaos, und kleine Änderungen der Anfangsbedingungen (also der Messwerte) können große - und vor allem unvorhersehbare - Folgen haben. Wer im Juni sagt, wie der Sommer in Österreich werden wird, dem sollte man nicht glauben. So klug ist keiner.
Anders steht es wieder mit noch längerfristigen, aber globaleren Aussagen, etwa über den Anstieg der Durchschnittstemperaturen. Hier darf, ja: muss man sich auf simplere Zusammenhänge beschränken - und kann der Mehrheit der einschlägigen Forscher glauben, die einen Zusammenhang zwischen der von Menschen bewirkten Veränderung der Atmosphäre und der Veränderung des Klimas sieht. Es wäre auch ein Wunder, wenn - im erdgeschichtlichen Vergleich - so schnelle Änderungen etwa des Kohlendioxid-Gehaltes nicht das Klima beeinflussen würden. Die Schwankungen der Sonnenflecken mögen das Ihre beitragen, aber gegen die nützen keine Petitionen.
Die CO2-Produktion dagegen ist oft verblüffend leicht zu drosseln. Etwa durch Verringerung des Flugzeugverkehrs. Oder durch Tempolimits für Autofahrer: Sie wurden vor allem - zu Recht - eingeführt, um den Verbrauch an Benzin zu senken, und diese Maßnahme hat sich als viel sinnvoller erwiesen als die - einst ähnlich begründete - Einführung der "Energieferien".
Dass Beschränkungen wirken, zeigt die rückläufige Entwicklung des Ozonlochs. Dass sich die nicht für das Leben, aber für unser Leben notwendige Ozonschicht langsam erholt, danken wir mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Verbot halogenierter Kohlenwasserstoffe. Und hat dieses irgendjemandem geschadet? Selbst die Spraydosen-Produzenten können dieses nachträglich unter "Anstoß für einen Innovationsschub" verzeichnen.
Dieser kleine Erfolg rechtfertigt keinen "Save-the-world"-Taumel: Die Verringerung der Treibhausgase ist, auch durch die Freie-Schlote-für-freie-Bürger-Haltung der USA-Regierung, politisch viel schwieriger durchzusetzen.
Und noch eines: Der Unbill des Wetters wird auch eine noch so "ökologisch bewusste" Menschheit ausgesetzt sein. Das Wetter ist tendenziell katastrophal. Erdbeben, Fluten, Dürre haben schon das Leben unserer - der Natur stärker ausgesetzten - Vorfahren geprägt und manchmal zerstört. Nur der Komet war schon länger nicht da:
vielleicht endlich einmal eine Prophezeiung, die sich nicht selbst erfüllt, sondern verhindert?

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