"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "ÖBB-Schlaraffenland" (Von Frank Tschoner)

Ausgabe vom 6. August 2003

Innsbruck (OTS) - Die Österreichischen Bundesbahnen sind noch eine der letzten wirklichen Bastionen der alten Verstaatlichten. Das betriebswirtschaftliche Ergebnis stimmt trotz aller Umstrukturierungsversuche noch immer nicht: 4,5 Milliarden Euro muss die öffentliche Hand pro Jahr zuschießen, um das Überleben der Staatsbahn zu gewährleisten.
Die Mitarbeiter beziehungsweise die mächtige Eisenbahnergewerkschaft schufen über Jahrzehnte hinweg mitEinverständnis der politisch Verantwortlichen sich selbst ein Schlaraffenland. Wegen einer "Quasi-Pragmatisierung" können Teile der Belegschaft nicht gekündigt werden. Knapp 42.000 der 48.000 Dienstnehmer kommen in den Genuss dieses Kündigungsschutzes. Frühpensionierungen sorgen für Schlagzeilen. Die jüngste Betroffene ist erst 37 Jahre alt. Eisenbahner im Krankenstand bekommen im Gegensatz zu ASVG-Versicherten ihr volles Gehalt ein Jahr lang.
Das sind Zustände, die sich ein normales Unternehmen nicht leisten kann. Die Politik hat nun das Heft in die Hand genommen und verlangt eine Verschlankung der Struktur. Rund 12.000 Mitarbeiter müssen bis 2010 gehen. Jedoch das Wie - bei den einzigartigen Sonderrechten -ist noch umstritten.
Wen wundert`s, dass angedachte Massenfrühpen-sionierungen bei den ÖBB auf Ablehnung in der Bevölkerung stoßen. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer muss immer höhere Hürden zum vorzeitigen Ruhestand überwinden. Eine mögliche Lockerung der Pragmatisierung ruft die Gewerkschaft auf den Plan.
Die Politik sitzt in der Klemme. Die Regierung hatte nur am Anfang das Gesetz des Handels auf ihrer Seite. Derzeit erinnert die Umsetzung der angestrebten Reform an die Änderungen bei den Pensionen. Richtig ist das Ziel, chaotisch sind die Informationsstrategie und die Umsetzung. Wenn bei den Bundesbahnen nicht schleunigst machbare Lösungen auf den Tisch kommen, entgleist die Reform.tschoner@tt.com

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