HOCHWASSERSCHUTZ: PERSPEKTIVEN EIN JAHR NACH DER KATASTROPHE

Wien (OTS) Ein Jahr nach der Hochwasserkatastrophe 2002 gilt es für das Le-bensministerium Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Ziel muss es sein, alle Erfahrun-gen, die aus der Analyse der letztjährigen Ereignisse gemacht werden, in künftige Strategien einfließen zu lassen. Ein wichtiger Beitrag zu den Schutzstrategien und zur Schadensmini-mierung wird zudem von der Klimaforschung erwartet. Gleichzeitig sollen Gefahrenzonen-pläne überprüft und Hochwasserinformationssysteme weiter ausgebaut werden. Für zukünf-tigen Strategie sind intakte Wälder unverzichtbar, um Lebens-und Wirtschaftsraum der Al-pentäler zu schützen. Für die Verwirklichung der Zielvorstellung, alle Anrainer von Gewäs-sern vor einem 100-jährlichen Hochwasser zu schützen, muss sich die Bevölkerung aber auch der Eigenverantwortung bewusst werden. Hiezu ist es notwendig, auf die Gefahren hinzuweisen und auch klarzustellen, dass es leider keinen 100%igen Schutz vor Hochwasser gibt. Dies führten die Sektionschefs DI Gerhard Mannsberger und DI Dr. Wolfgang Stalzer im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Klimaforscherin Dr. Helga Kromp-Kolb, dem Hydrologen DI Dr. Peter Nachtnebel und dem Bürgermeister der Gemeinde Thal-gau Herbert Winkler anlässlich des Jahrestages der Hochwasserkatastrophe 2002 aus.*****

Um Bedrohungen durch Naturgefahren zu minimieren, wurde Anfang des Jahres 2002 das Geschäftsfeld "Schutz vor Naturgefahren" im Lebensministerium eingerichtet. Es ist eine bereichsübergreifende Plattform zwischen Schutzwasserbau, Wildbachverbauung, Lawinen- und Erosionsschutz sowie Schutzwaldbewirtschaftung. Durch Erhebung, Analyse und Be-wertung der Gefahrenpotentiale werden Schutzmaßnahmen umgesetzt. Im Rahmen der Hochwasserkatastrophe hatte des Geschäftsfeld seine erste Bewährungsprobe bei der Ko-ordinierung sowie der Bewertung von Sofort- und Hilfsmaßnahmen

Ausmaß und Häufigkeit von extremen Wetterereignissen, die auch schwere Schäden verur-sachen, nehmen zu. Demgegenüber sind die Möglichkeiten der Vorhersage derzeit noch beschränkt und daher Thema unterschiedlicher Forschungsprojekte. Einer der Schwerpunkte liegt dabei in der grundlagen- und anwendungsspezifischen Klimaforschung. Für zukünftige Strategien sind diese Erkenntnisse von enormer Bedeutung. Aus diesem Grund wurde in Österreich auf Initiative des Lebensministeriums das Projekt StartClim in Angriff genommen. Mit diesem Startprojekt Klimaschutz sollen die elementaren Zusammenhänge im Klimage-schehen und deren unmittelbare Auswirkungen klarer erfasst werden und Katastrophener-eignissen besser vorgebeugt werden kann. Im Projekt werden konkrete Handlungsempfeh-lungen u.a. zum Thema Risikomanagement abgeleitet werden.

ANALYSEBERICHT - AKTIONSPLAN - GEFAHRENKARTE ÖSTERREICH

Zur Aufarbeitung der Hochwässer vom August 2002 hat die Universität für Bodenkultur mit Unterstützung zahlreicher Institutionen und Dienststellen des Bundes und der Länder eine Dokumentation der abgelaufenen Hochwässer vom August 2002 zusammengestellt. Dieser Bericht liegt vor. In der zweiten, derzeit in Ausarbeitung befindlichen Phase, wird ein fachlich fundierter und entsprechend wissenschaftlich abgesicherter Analysebericht erstellt, der auch die künftigen Strategien und Handlungsschwerpunkte beinhalten wird.

Gemeinsam mit den Ländern befindet sich ein "Aktionsplan Hochwasserschutz - Gewässer-entwicklung 2015" in Ausarbeitung. Dieser Aktionsplan wird im Wesentlichen neben den Zielen und Grundsätzen auch das erweiterte mittelfristige Umsetzungsprogramm beinhalten. Dazu wird es auch erforderlich sein, eine entsprechende Prioritätenliste (nach Gefährdungs- und Schadenspotentialen) zu erstellen. Als Fertigstellungstermin ist Mitte 2004 vorgesehen.

Der Intention entsprechend, die Gefahrenzonenplanung in den nächsten Jahren zu intensi-vieren, wurde seitens des Lebensministeriums mit der Umsetzung des konkreten Projektes "Gefahrenkarte Österreich", welche die Ausweisung der Überflutungsflächen von 30- und 100-jährlichen Hochwässern zum Inhalt hat, begonnen.

ECKPUNKTE FÜR EINE ZUKUNFTIGE SCHUTZSTRATEGIE

Ziel einer zukünftigen Strategie muss es sein, die bewährten Instrumente der Katastrophen-vorsorge weiterhin zu nutzen und darauf aufbauend weitere Schritte zu setzen. Mit dem Ka-tastrophenfonds steht ein ausgezeichnetes Finanzierungsinstrument im Hochwasserschutz zur Verfügung. Damit kann der vorbeugende Schutz langfristig geplant werden, im Akutfall kann darüber hinaus rasch geholfen werden. Der Finanzierung des vorbeugenden Katastro-phenschutzes ist es zu verdanken, dass ein noch wesentlich höheres Schadensvolumen verhindert werden konnte. Die Schutzmaßnahmen und Verbauungen haben dort Schutz ge-geben, wo keine Extremsituationen auftraten und in vielen Fällen auch unter diesen äußerst selten auftretenden Bedingungen das Schadensausmaß begrenzt. Das österreichische Schutzniveau ist hoch, auch wenn ein Extremereignis wie es das Hochwasser 2002 darstellt, damit nicht verhindert werden kann.

Die katastrophalen Hochwasserereignisse dürfen weiters nicht dazu führen, dass die ökolo-gischen Ziele im Rahmen des Schutzwasserbaues vernachlässigt werden. Insbesondere der naturnahe Wasserbau mit der Vernetzung des Gewässers mit dem Umland führt zu einer verbesserten Retention und damit einer Dämpfung der Hochwasserwelle bei kleineren und mittleren Ereignissen. Durch die Wahl eines integralen Ansatzes und durch die Betrachtung des Gewässers und seines Umlandes als funktionale Einheit wurde in den letzten Jahr-zehnten eine neue Qualität der schutzwasserwirtschaftlichen Planung geschaffen und auch laufend weiterentwickelt. Ökologische und schutzwasserwirtschaftliche Zielsetzungen sind keine Gegensätze, sondern müssen auch in Zukunft im gewässerspezifischen Leitbild zu einem gemeinsamen Ziel verschmelzen.

Es ist das Bewusstsein zu stärken, dass der Mensch nicht nur persönlich Betroffener von möglichen Hochwasserschäden sein kann, sondern auch eine aktive Rolle zur Schadensab-wehr oder -minimierung einnehmen muss. Grundsätzlich trifft jeden Bürger, der sich in einer durch Naturgefahren bedrohten Zone aufhält, bewegt, siedelt oder baut, eine Eigenverant-wortung für seine Sicherheit. Bei jeder geplanten Bautätigkeit und Nutzung auf einer Fläche in einem durch Hochwasser gefährdeten Gebiet ist zu klären, ob diese grundsätzlich mit dem Ausmaß der Gefährdung vereinbar und ob der Aufwand für Schutzmaßnahmen technisch und wirtschaftlich vertretbar ist. Grundlagen für diese Beurteilung sind die Gefahrenzonen-pläne.

Ebenso ist zu prüfen, mit welchen Maßnahmen (Objektschutz) bestehende Gebäude und Einrichtung gegen drohende Gefahren gesichert werden können. In vielen Fällen ist der Schutz von einzelnen Gebäuden und Grundstücken mit einfachen Maßnahmen (Objekt-schutz) möglich, die die Leistungsfähigkeit des Einzelnen nicht übersteigen. Der Kosten für den Objektschutz stehen meist in günstiger Relation zu den Gesamtbaukosten, die Schütz-maßnahmen sind für den Bauherren bei entsprechender Beratung ohne Schwierigkeiten herzustellen. Je nach Art der Maßnahme wird ein Einzelobjekt, Teile davon oder ein bzw. mehrere Grundstücke geschützt.
SCHUTZ VON SIEDLUNGSRÄUMEN VOR 100-JÄHRLICHEN HOCHWÄSSERN

Beim Schutz von Wirtschafts-, Verkehrs- und Siedlungsanlagen vor Hochwässern sollte von den Gemeinden und den Betroffenen angestrebt werden, zumindest vor den Gefahren eines 100-jährlichen Hochwassers zu schützen, wobei der ökologischen Verträglichkeit wie auch den ökonomischen Anforderungen Rechnung zu tragen ist. Dieses Ziel wird es jedoch erfor-dern, manche Räume von Verbauungen frei zu halten bzw. soweit wie möglich wieder frei zu machen. Dadurch könnte das Schadenspotential entscheidend vermindert werden. Die Hochwasserkatastrophe des letzten Jahres hat sicher sehr viel zur Sensibilisierung hinsicht-lich der vorhandenen Bedrohung durch eine "zu große Nähe zum Wasser" geführt.

Die Raumordnung benötigt zur Umsetzung ihrer Ziele und Vorgaben entsprechende Gefah-renzonenplanungen. Die bestehenden Gefahrenzonenpläne sind zu überprüfen und - wo notwendig - zu verbessern. Das Restrisiko soll ebenfalls bei der Gefahrenzonenplanung be-rücksichtigt werden und wird damit stärker in das Bewusstsein der potentiell Betroffenen ge-rückt. Die Gefahrenzonenpläne sind in den Gemeinden transparent zu machen.

Moderner Hochwasserschutz stellt primär auf den Rückhalt des Hochwassers im Einzugsge-biet ab. Maßnahmen, die im Hochwasserfall einen Wasserrückhalt bewirken, sind generell gegenüber abflussbeschleunigenden Eingriffen zu bevorzugen. Hochwasserschutz für land- und forstwirtschaftlich genutzte Flächen geht zu Lasten des Hochwasserrückhaltes und wird daher nicht mehr durchgeführt. Natürliche Rückhalteräume sollen erhalten oder durch Maß-nahmen des passiven Hochwasserschutzes wieder hergestellt werden. Die Voraussetzung für solche Maßnahmen ist, dass überschwemmungsgefährdete Gebiete durch die Raumord-nung von Bebauungen jeglicher Art freigehalten werden.

SCHUTZWIRKUNG DES WALDES OPTIMIEREN

Intakte Schutzwälder sind unverzichtbar, um Lebens- und Wirtschaftsraum der Alpentäler zu schützen. In Zukunft soll die Sicherstellung der Schutzleistung nicht mehr alleine vom Wald-eigentümer zu tragen sein, sondern auch von den verschiedenen Raumnutzern wie Gemein-den, Tourismus, Straßenerhalter, etc., denn es geht um gemeinsame Sicherung der Lebens-räume.

Die Kombination technischer, sozioökonomischer und ökologischer Schutzmaßnahmen wird in Zukunft verstärkt um passive Schutzmaßnahmen ergänzt werden. Passive Maßnahmen sind langfristig wirksam, sie greifen präventiv in die Raumordnung ein und sollen mithelfen, das Entstehen von neuem Risiko und damit neuem möglichen Schadpotenzial zu verhindern. Es handelt sich dabei primär um die Gefahrenzonenpläne, die die Art und Intensität der Ge-fährdung ausweisen und für die Flächenwidmung entscheidende Grundlagendaten liefern.

Die Gefahrenzonenpläne sind die maßgebliche Grundlage für die weitere Planung von Schutzsystemen. Die neuen Technischen Richtlinien der WLV sehen daher in Ergänzung die Instrumente der Regionalstudie, der Dringlichkeitsreihung, der Generellen Projekte und Be-wirtschaftungspläne für die Einzugsgebiete vor. Die konsequente Verwendung dieser In-strumente ist eine wichtige Basis für ein effizientes Ressourcenmanagement und des effi-zienten Einsatzes öffentlicher Mittel.

Der Waldentwicklungspläne sowie der Waldfachplan stellt für die forstliche Raumplanung wichtige Instrumente zur Gefahreneinschätzung und -abwehr dar. Innerhalt der nächsten Jahre soll eine flächendeckende Digitalisierung und eine Integration in de Raumplanungs-modelle der Bundesländer erfolgen.

INFORMATION UND BERATUNG DER BEVÖLKERUNG INTENSIVIEREN

Ein Schwerpunkt soll auf eine intensivierte Information der Bevölkerung gelegt werden. Ziel ist es, die große Bedeutung des Schutzes vor Naturgefahren und dabei auch den notwendi-gen Beitrag jedes Einzelnen bewusst zu machen. In Zeiten ständig steigenden Sicherheits-bedürfnisses ist eine Schärfung des Bewusstseins der Bevölkerung für das Restrisiko durch Naturgefahren notwendig.

Jeder potentiell von Hochwasser Betroffene muss wissen, was er im Hochwasserfall zu tun hat, um Schäden zu vermeiden bzw. so gering wie möglich zu halten. Ziel ist es zudem, be-reits vorhandene das Informations- und Frühwarnsystem auszubauen bzw. die wissenschaft-lichen Methoden der Prognose entsprechend zu verfeinern. Je besser Hochwasserwarnung und -vorhersage funktionieren, umso effektiver können Vorsorgemaßnahmen zur Scha-densminimierung gesetzt werden.

2003 ist nach einer UNO-Resolution das "Jahr des Wassers". Dieses wird in Österreich zu einer umfassenden Diskussion über unsere WasserZukunft genutzt. Davon ausgehend sol-len gemeinsame Ziele und Strategien entwickelt werden, damit Wasser in Zukunft gleicher-maßen effektiv geschützt und genützt werden kann. Wichtiges Thema in der Diskussion ist neben vielen anderen einen nachhaltigen Hochwasserschutz im Einklang mit der Natur zu bewerkstelligen.

(Schluss)

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