"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Zu bittere Pillen" (Von Anita Heubacher)

Ausgabe vom 5. August 2003

Innsbruck (OTS) - Maria Rauch-Kallat will eine ganzheitliche
Reform des Gesundheitswesens. Diese reicht vom Sparen bei den Medikamenten bis zu Spitalsbettenschließungen. Dafür wird sie einen langen Atem brauchen. Der Reihe nach: Für Medikamenten sollen künftig 700 bis 800 Millionen Euro weniger ausgegeben werden. Zwängt sich die Frage auf, warum wir offenbar zu viel für Medikamente ausgeben?
Im internationalen Vergleich liegen sowohl die Spannen für den Großhandel als auch die für Apotheker im Spitzenfeld. Ein Politikum. Die Margen der Apotheker sind gesetzlich geregelt, der Gebietsschutz verhindert konsequent Konkurrenz. Die Apothekerkammer ist eine starke Lobby. Zu diesem Mix kommt noch, dass bei uns unterdurchschnittlich wenig kostengünstigere Medikamente, so genannte Generika, verschrieben werden. Der Verordnungsanteil liegt unter zehn Prozent, in Deutschland bei 50 Prozent. Dort muss der Arzt ein Generikum verschreiben. Der Apotheker ist verpflichtet, auch wenn der Arzt das teure Medikament verordnet hat, das günstigere herauszugeben. Besteht der Patient auf das Original, muss er die Differenz aus eigener Tasche bezahlen. Die Politik hat das so geregelt.
Sollte Maria Rauch-Kallat diese Nuss knacken, wartet die zweite Herausforderung: Die Spitalsbettenschließung. Ein zweites, hochgradiges Politikum. Allein die Finanzierung der Spitäler macht klar, wer hier aller mitredet: Sozialversicherungsträger, Bund, Länder und Gemeinden. Welcher Politiker soll dem betroffenen Bürgermeister wohl sagen, dass sein Spital geschlossen wird? Tirols Spitäler schreiben Millionenverluste. Das dickste Minus fährt Kitzbühel ein. Nicht zuletzt deshalb, weil es in zehn Kilometer Entfernung das Krankenhaus St. Johann gibt. Geschlossen ist Kitzbühel noch immer nicht. Das auf Österreich umgerechnet: Einen so lange Atem wird auch Maria Rauch-Kallat nicht haben.

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