"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Eines Fürsten Traum" (Von Peter Plaikner)

Ausgabe vom 26. Juli 2003

Innsbruck (OTS) - Nichts taugt besser zur Aufrichtung
provinzieller Kleingeister als ein Großangriff der Europäischen Union. Wegen ihrer Blitzklage gegen das sektorale Fahrverbot geht es in Tirol nun bis zur Landtagswahl darum, der beste Transitgegner zu sein. Die VP ist dabei nur scheinbar im Vor-teil. Ein Malus der Amtsbeschädigung würde den Bonus des Landeshäuptlingsentwerten. Er muss zumindest ein bisschen vorsichtiger mit Versprechungen sein als die Mitbewerber. Diese werden jede Zurückhaltung fallen lassen. Sonst hätte nicht aus-gerechnet die traditionell Brüssel-feindliche FP schon eine EU-konforme Lösung des Problems angekündigt.
Das bringt den wirklichen Europäer Herwig van Staain populistische Zwangslagen. Die angekündigte Notwehr dürfte weniger aus Taten gegen die EU als Worten wider Brüssel und Sprüchen kontra Wien bestehen. Jeder weiß es. Alle gestehen es heimlich ein. Doch vor dem 28. September sagt uns sicher kein Wahlwerber, wie die EU-konforme Lösung des Problems in Wahrheit aussieht: Die Lkw-Lawine darf weiter wachsen.
Mehr denn je präsentiert sich die Landespolitik als Mischung aus Bürgertäuschung und Selbstbetrug. Die Proponenten glauben, nicht anders zu können. Denn die Erwartungshaltung des Volkes ist überzogen. Verantwortlich dafür sind Vorgänger der heute handelnden Personen. Die aktuellen Amtsträger aber setzen aus Gründen des Machterhalts den Teufelskreis fort.
Die Ursache dafür liegt in mangelnder Rechtzeitigkeit. Rhetorisches Reagieren soll Fehler im arbeitsmäßi-gen Agieren kaschieren. Das heutige Transitproblem istdie Folge ungelöster Hausaufgaben vor dem EU-Beitritt.Doch wer in Tirol gewählt werden will, braucht keinen Sinn für Realität sondern einen Hang zu Mythen. Von Andreas Hofer über Eduard Wallnöfer bis Asterix: der kleine sture Stamm gegen den großen Rest der Welt.Jeder Stimmenfänger malt irgendwann das emotionale Traumszenario von der Selbstbestimmung.
In letzter Konsequenz hieße das: raus aus der EU, raus aus Österreich, klein und fein sein wie Liechtenstein. Der Europarat hat den Zwergstaat allerdings wegenGefährdung der Demokratie unter Beobachtung gestellt. Weil der Fürst mehr Rechte wollte - und bekam. Die Landesherren von Tirol gebärden sich auch gerne fürstlich, träumen seit jeher von mehr Rechten und sollten stattdessen ihre vornehmliche Pflicht erfüllen: uns reinen Wein einzuschenken.

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