"Die Presse" Kommentar: "Heimat bist du teurer Illusionen" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 26.7.2003

Wien (OTS) - Voest ist Heimat. So plakatiert es derzeit die FPÖ quer durch Oberösterreich. Man lernt nie aus. Hat man doch bisher geglaubt, dass das Bundesland überall anders viel schöner ist. Hat man doch geglaubt, dass die Oberösterreicher schon vor Hermann Göring eine Heimat gehabt hatten.
Nun, es ist Wahlkampf, und da wird Intelligenz Mangelware. Das ist nicht weiter ernst zu nehmen. Ernster ist freilich das Ausmaß an wirtschaftlichem Unverständnis und Heuchelei einiger "Patrioten" rund um die Voestalpine. Und vor allem der Milliarden-Schaden, der dem Steuerzahler daraus entsteht.
Mies wie dumm ist es etwa, wenn Voest-Aktien, die ein Politiker vor acht Jahren gekauft hat, nun mit dem mutmaßlichen Insider-Trading (also mit der Ausnutzung eines Wissensvorsprungs beim Aktienhandel zu Lasten anderer) eines Voest-Vorstandes verglichen wird. Bei größerem Verständnis für die Rollen in der Wirtschaft würde es hierzulande auch mehr stören, wenn der Voest-Vorstand (also angestellte, wenn auch gut bezahlte Arbeitnehmer) verkünden, wer neuer Eigentümer werden soll. Aber in einer Betriebskultur, die lange überhaupt vom Betriebsrat diktiert worden ist, fällt das wohl gar nicht mehr auf. Bei Sensibilität für Economic correctness würden reihum auch Aufsichtsräte der Voestalpine und ÖIAG (die für den Steuerzahler das Eigentum an dem Stahlriesen hält) zurücktreten, weil sie sich selbst für diese Anteile interessieren. Aber bei uns in Österreich . . . Schmerzhaft ist die Heuchelei, mit der Interessenten den vermeintlich einzigen Konkurrenten denunzieren (lassen), um selbst die Voest an Land zu ziehen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Frank Stronachs Auftreten primär an einen Sektenprediger erinnert. Seine Denunzianten werden aber seltsam schweigsam, wenn es darum geht, dass der Steuerzahler für den prominentesten Betrieb der Staatsindustrie möglichst viel Geld bekommen soll.
Schmerzhaft ist auch die Dumm- und Unverfrorenheit, mit der vom Betriebsrat bis zur SPÖ so getan wird, als ob die Staatskontrolle irgendeinem Unternehmen oder gar der Volkswirtschaft gut täte. In Wahrheit waren auf dem Rücken des Steuerzahlers 84 Milliarden Schilling Schulden zugunsten von Voest & Co aufgenommen worden, die bis heute noch nicht ganz zurückgezahlt sind. In Wirklichkeit hat erst der Druck durch die ersten Börsengänge dazu geführt, dass die Staatsbetriebe begonnen haben, schlagkräftig zu werden. Es wäre eine Katastrophe für die Voest, würde die Privatisierung gestoppt. Die Glaubwürdigkeit, das Vertrauen vieler Partner wäre dahin. Fonds etwa boykottieren Firmen, an denen Staaten beteiligt sind. Sie wissen warum.
Ebenso schmerzhaft ist, wie falsch die Regierung auf den von Opposition und heuchlerischen Schnäppchenjägern ausgestreute Morbus hystericus Voestensis reagiert. Wie etwa will sie einen österreichischen "Kernaktionär" an einer Börse sicherstellen, wo ja jeder kaufen kann? Wie unterscheidet sie zwischen bösen strategischen Investoren und guten Finanzinvestoren? Ganz abgesehen davon, dass normalerweise eigentlich jene als "Finanzinvestoren" gelten, die "Asset stripping", also das vielzitierte Verscherbeln, betreiben. Vor allem aber, wie erklärt man dem Steuerzahler den Milliardenverlust, wenn man viele Interessenten zu unerwünschten erklärt? Einen 40 bis 80 Prozent höheren Preis könnte die Republik erzielen, wenn sie auch eine Prämie für die strategische Kontrolle über das Unternehmen einstreift. Tut sie das nicht, wird zwar gewiss die Börse belebt - aber mittelfristig wird sich ein strategischer Interessent dort relativ billig die Kontrolle über die Voest erwerben.
Arbeitsplätze sichert man nicht durch teure Wahlkampfdummheiten, sondern durch die Produktivität von Arbeitern, Forschern und Managern. Und durch eine Gesetzgebung, die den Standort Österreich möglichst attraktiv macht. Und damit auch die Heimat in Linz.

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