DER STANDARD-Kommentar: "Haltet den Dieb!" (von Frank Herrmann) - Erscheinungstag 23. 7. 2003

Wien (OTS) - England in heller Aufregung: Es wird gezankt, gegeifert, intrigiert, dass auch der letzte Bürger seine Illusionen verliert. Nach dem tragischen Tod des Biowaffenexperten David Kelly geht’s in London offenbar nur noch darum, Bauernopfer zu finden, abzulenken von eigenen Fehlern, auf dass König Tony Blair irgendwie auf dem Thron bleiben kann.

Wer die verbalen Breitseiten aus dem Regierungslager hört, reibt sich verwundert die Augen. Worum ging’s eigentlich? Im Frühjahr haben die Briten als kleiner Bruder Amerikas einen Krieg gegen den Irak geführt. Den Kriegsgrund, Bagdads Massenvernichtungswaffen, hat Blair, wenn nicht erfunden, so doch kräftig aufgebauscht. Je klarer das wird, desto lauter wird die Kritik. So weit die Substanz der Regierungskrise, doch Blairs Mannen drehen den Spieß einfach um. Glaubt man ihnen, dann steht einzig und allein die BBC auf dem Prüfstand. Weil ein Reporter des Senders mit Kelly sprach und dem Kabinett hinterher Lügen vorwarf, gehört er auf die Anklagebank. Es soll nicht mehr um die Botschaft gehen, sondern nur noch um den Boten.

Das ist schlichtweg absurd. Sicher, die BBC muss sich die Frage gefallen lassen, wie akkurat ihr "Lügenbericht" war. Mag sein, dass darin nicht jedes Wort stimmt. Mag sein, dass Kellys Botschaft nur zu achtzig oder neunzig Prozent richtig wiedergegeben wurde. Dann schuldet die öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehstation den Briten eine Entschuldigung.

Aber im Wesentlichen hat die BBC Recht. Blair hat die Wahrheit verbogen. Deshalb ist er es, der zuallererst um Verzeihung bitten muss. Blair ist mit Propaganda statt Argumenten in den Irakkrieg gezogen. Jetzt, da es eng für ihn wird, startet er ein Ablenkungsmanöver und stellt den Überbringer der Botschaft an den Pranger. Motto: Haltet den Dieb!

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