"Kleine Zeitung" Kommentar: "Im Schussfeld zwischen BBC und dem angeschlagenen Blair" (Von Erhard Hutter)

Ausgabe vom 21.07.2003

Graz (OTS) - Ein weiser Akademiker wurde im politischen Intrigenspiel zerstört.

Die Tragödie des Selbstmordes von David Kelly bewegt, ja erbost die Briten und hat Premierminister Tony Blair sichtbar erschüttert. "Wie war es möglich, dass ein weiser Akademiker von einem Haufen Politiker-Winzlingen zerstört wurde", fragte sich einer seiner langjährigen Mitarbeiter voller Zorn. Ein ehrenwerter und publikumsscheuer Mann war von der Regierung schonungslos verheizt, dem grellen Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit preisgegeben und der Tortur einer Inquisition durch ein Parlamentskomitee ausgesetzt worden. Die unerträgliche Situation trieb den gebrochenen Kelly dazu, sich die Pulsadern aufzuschneiden.

Gegen seinen Willen befand sich der führende Experte für Massenvernichtungswaffen plötzlich im erbitterten Schussfeuer zwischen Downing Street und BBC. Erst unter dem Eindruck des Todes, zu spät, um das Unglück abzuwenden, war die Anstalt bereit, Kelly als die Hauptquelle ihrer Behauptung zu identifizieren, die Regierung habe das September-Dossier über den Irak-Krieg durch die Passage ausgeschmückt, Saddam könne seine chemischen und biologischen Waffen binnen 45 Minuten loslassen.

Solches hat Kelly in seinem Geheimtreffen mit einem Journalisten der Anstalt bestimmt nicht von sich gegeben. Und da waren noch die "dunklen Akteure, die ihre Spiele spielten", von deren Wüten sich Kelly in seiner letzten persönlichen Botschaft bedroht fühlte. Erst die öffentliche Untersuchung wird ermitteln, inwieweit Kelly von Beamten des Verteidigungsministeriums in die Zange genommen, möglicherweise mit Verletzung des "Official Secret"-Gesetzes erpresst worden ist. Dort hatte man ihm Anonymität zugesagt, dieses Versprechen aber nur zu bald gebrochen.

Die Auseinandersetzung mit BBC war eine Nebenvorstellung, Blairs mächtigen Imagemachern als Ablenkung von der Wesensfrage äußerst willkommen: die Rechtfertigung
des Feldzuges. Hat der Premierminister sein Land unter falschen Voraussetzungen in den Krieg gegen Saddam geführt?

Nach Meinung seiner Kritiker überschritt Blair die Grenze, bis zu der ein Führer ohne Zustimmung seines Volkes, sogar seiner Partei gehen kann. Das ist der Grund für seinen Abstieg von unanfechtbaren Höhen mit Rekordmehrheit im Parlament, harmloser Opposition und glänzender Wirtschaft.

Heute ist Blairs Rücktritt beileibe nicht mehr allein Wunschtraum der Opposition. Retten könnte ihn am ehesten der Fund von Massenvernichtungswaffen im Irak. ****

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