"DER STANDARD" Kommentar: "Herr Fritz macht Politik" (Von Conrad Seidl)

Ausgabe vom 19. Juli 2003

Wien (OTS) - Es ist zutiefst ungerecht, was man Generalsekretär Lorenz Fritz unterstellt: dass er einfach 175.000 Euro aus den Mitgliedsbeiträgen betuchter Industrieller genommen hätte, um sie einem windigen Verein nachzuschmeißen. Einem Verein, der nichts weiter ist als ein Fanklub eines Finanzministers.

Also bitte: So unprofessionell ist man im Haus der Industrie nicht. "Zwei professionelle Organisationen", gemeint sind Industriellenvereinigung und Finanzministerium (das demnach an der ganzen Konstruktion offiziell mitgewirkt hat), würden doch nicht so leichtsinnig und dumm vorgehen, bemerkte Fritz am Freitag. Und legte wehleidig nach: "Es ist sehr verkürzend zu sagen, wir haben mit dem Geld eine Homepage bezahlt."

Es wird immer deutlicher, dass es hier tatsächlich nicht nur um eine mehr oder weniger gut gemachte Internetpräsenz ging.

Es ging um einen neuen Politikansatz eines prominenten Politikers, dessen Parteibindung im Laufe der Jahre immer schwächer wurde - und der daher diesen Klub brauchte, um die politische Arbeit zu organisieren. Diese Konstruktion auf Vereinsbasis, mit mehr oder weniger guten Freunden als Vereinsvorstand und als Auftragnehmer des Vereins, hat weniger mit New Economy als mit einem neuen Demokratieverständnis zu tun: weg von der lästigen Parteiendemokratie mit ihren Parlamentsklubs, Gremien, Parteitagen und Versammlungen in Knittelfeld oder sonst wo; hin zu einem mehr an modernen Managementmethoden orientierten Gestaltungsmodell, das Diskussionen durch Präsentationen, Abstimmungen durch Umfragen und Ideologie durch Markenbildung ersetzt.

Verständlich, dass das nach dem Geschmack von Industriellen ist. Und gut angelegt war das Geld ja auch - endlich nimmt man die Kommunikationsprofis der Industrie öffentlich wahr!

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