"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Jeeedeermaaann!" (Von Peter Plaikner)

Ausgabe vom 19. Juli 2003

Innsbruck (OTS) - Bevor der Ruf nach Jedermann durch Salzburg
hallt, erschallt der Schrei des Gevatters aus Klagenfurt. Fest- und Trauerspiele: Im Sommer wird Österreichs Spitzenpolitik berechenbar wie Hochkultur. Das Dreh-buch ist geschrieben. Der Hauptdarsteller steht fest. Lediglich im Gestalten desFinales genießt die Regie fürs Bundeskanzleramt mehr künstlerische Freiheitals die Spielleitung am Domplatz.
Jörg Haider verlangt die Vorziehung der Steuerreform. Das ist exakt die Ausgangslage vom Sommer 2002. Der mächtigste FP-Politiker geht auf Linie der Opposition und torpediert die eigene Regierungsfraktion. Kleine Umstellung auf der Besetzungsliste: Die Buhlschaft heißt heute Haupt statt Riess-Passer. Minimale Änderung aus der Kostümschneiderei: Der wichtigste Mitzecher trägt Schwarz statt Blau. Da grassiert die Farbensymbolik.
Unterdessen wird das alte Stück um neue Akte angereichert. Wie Hofmannsthal den mittelalterlichen Jedermann verbrämen die aktuelle Bundesregierung und ihre Gegner die Geschichte der Zweiten Republik:die umfassendste Pensionsreform, der größte Streiktag, die schönsten Absichten. Das wirkt nach Inhalten, doch zu schlechter Letzt bleibt das Spiel der Personen.
Politik in Österreich ist mehr denn je eher Schüssel, Haider, Grasser, Gusenbauer und van der Bellen als Altersversorgung, Steuerentlastung, Staatsschuldentilgung, Familienförderung und Standortverbesserung. Der Zwist um die Homepage des Finanzministers entspricht dem Streit ums Dekolleté der Buhlschaft. Die Diskussion zur Schamlosigkeit überlagert die notwendige grundsätzliche Kritik an der Qualität des Dramas.
Angesichts gleichermaßen matter Darsteller von Regierung und Opposition steht vor der Wahl der bestenBesetzung die Frage nach dem richtigen Stück. Das Pub-likum will immer Stars und Spiele. Langwierige Sacharbeit ist kurzfristig nur durch Showblöcke verkaufbar. Theatermacher sind verantwortlich für die Balance zwischen Schau und Inhalt. In Österreichs Politik ist dieses Verhältnis nach dem Pensionsintermezzo wieder so unausgewogen wie beim Niedergang der ersten schwarz-blauen Koalition. Das war vor einem Jahr.
Heuer spielen sie das genau gleiche Stück: Der Tod ruft, die Buhlschaft wendet sich ab, Jedermann stirbt.
Haider ruft, Haupt wendet sich ab, Schüssel schweigt.Jeeedeermaaann!

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