Wenn der Lebensraum zur Gefahrenzone wird

Naturkatastrophen, Krisen, Epidemien schlagen weltweit 175 Millionen Menschen in die Flucht. Im Westen stehen sie vor verschlossenen Türen, sie sind von keiner Flüchtlingskonvention geschützt. Der Weltkatastrophen-Bericht 2003 des Internationalen Roten Kreuzes zeichnet Fälle von Menschenhandel, internen Vertriebenen und Umweltflüchtlingen nach und fordert eine neue Ethik in der Hilfe.

2002 war das Jahr der Naturkatastrophen. Mehr Stürme, Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren und Brände wüteten im vergangenen Jahr auf der Erde als in jedem anderen Jahr zwischen 1992 und 2001. Über 608 Millionen Menschen waren Opfer der Katastrophen - dreimal so viele wie im jährlichen Durchschnitt der vergangenen Dekade. Allein in Indien litten 300 Millionen Menschen unter einer verheerenden Dürre.

Laut dem World Disasters Report 2003 des Internationalen Roten Kreuzes zeigen die Katastrophen ihre schlimmsten Auswirkungen in den ärmsten und am wenigsten entwickelten Ländern der Erde. Von den 24.500 Menschen, die durch Naturkatastrophen starben, lebten 94 Prozent in Entwicklungsländern.

Die Asyl-Katastrophe

Wenn die Natur unberechenbar wird, hat das gravierende Folgen für die Menschen. Wo sich fruchtbare Lebensräume in dürre Steppen oder morastige Überschwemmungsgebiete verwandeln, sind Hunger, Armut und Epidemien nicht weit. Zustände, die die Menschen aus ihrer Heimat vertreiben. Über 175 Millionen leben weltweit fern ihres Geburtsortes.

Geschätzte vier Millionen geraten auf der Suche nach einem besseren Leben in die Fänge von Menschenhändlern. Etwa 25 Millionen werden durch Konflikte zu Flüchtlingen im eigenen Land. Für unzählige Menschen schließen verschärfte Asylbestimmungen die Grenzen zum "goldenen" Westen. Industriestaaten geben mehr Geld für den Schutz ihres Territoriums vor Immigranten aus, als sie für Entwicklungshilfe aufbringen. Dabei sind Gast- und Fremdarbeiter oft Entwicklungshelfer für ihre Heimat. Etwa 80 Mrd. US-Dollar schicken sie pro Jahr in ihre Herkunftsländer zurück. Etwa 55 Mrd. US-Dollar fließen jährlich an offizieller Entwicklungshilfe von den reichen Ländern in die armen.

Migration hat heute viel mehr Beweggründe als in den Texten der Flüchtlingskonvention niedergeschrieben sind. Die Folge davon: Bis zu 50 Millionen Migranten sind ohne rechtlichen Schutz. Ohne Papiere und Registrierung sind sie damit auch für die humanitäre Hilfe "unsichtbar".

Mit dieser erschreckenden Zahl verbindet das Rote Kreuz seine Forderung nach einer multilateralen Zusammenarbeit in der Migrationsfrage. Mit Ausnahme für anerkannte Flüchtlinge gibt es bisher kein international gültiges Rechtswerk für die Bewegung von Menschen über Landesgrenzen. "Regierungen, internationale Organisationen, NGOs, Wirtschaft, Gewerkschaften und die Migranten selbst müssen zusammen eine neue Verantwortlichkeit entwickeln", fordert der elfte Weltkatastrophen-Bericht.

Beispiel Burundi. Krieg und Konflikt haben über 500.000 interne Vertriebene hinterlassen. 80 Prozent davon sind Frauen und Kinder. Die Gewalt treibt sie immer wieder in die Flucht, die meisten haben kein Einkommen, gelegentlich erhalten sie Hilfspakete. Der Hunger ihrer Kinder zwingt Frauen in die Prostitution – ein Todesurteil in einem Land mit einer Aids-Rate von 20 Prozent.

Die Ethik der Hilfe

Die Welt hilft bevorzugt im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Die Spendenfreude konzentriert sich auf "bekannte" und im TV reich bebilderte Krisenherde wie Irak und Afghanistan. Die Hilfe für Katastrophen, die sich abseits des öffentlichen Interesses ereignen, bleibt oft unbezahlbar.

Beispiel Angola.
27 Jahre Bürgerkrieg haben Hunger und tädliche Epidemien gebracht. Das Überleben von vier Millionen Menschen hängt von fremder Hilfe ab. Mit 50 US-Dollar pro Kopf wurden die darbenden Menschen abgespeist. Zum Vergleich: In Afghanistan traf 2001 die sechsfache Summe an Hilfsgeldern ein – 300 US-Dollar pro Einwohner.

"Hilfe rückt in gefährliche Nähe zur Politik", stellt der Report des Roten Kreuzes fest und plädiert daher für eine Ethik der Hilfe. Humanitäre Ethik ist universal, sie macht keinen Unterschied zwischen Hautfarbe, Rasse, Religion oder Herkunft. Hilfe richtet sich an alle Menschen, die sie brauchen – nicht nur an eine Auswahl, die von Medien, Politik oder Militär getroffen wird. Eine Grundlage dafür ist die strikte Trennung zwischen militärischer und neutraler humanitärer Hilfe.

Die humanitäre Ethik ist ein Prinzip des Roten Kreuzes. Die Prinzipien in die Praxis umzusetzen, ist der Schlüssel zur Legitimität humanitärer Arbeit. Deshalb enthält der Weltkatastrophen-Bericht Vorschläge zu einem weltweiten "code of conduct", in dessen Mittelpunkt der Respekt für die Würde des Menschen steht.

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