DER STANDARD-Kommentar: "Zahltag im Atomstreit" (von Markus Bernath) - Erscheinungstag 17.7.2003

Wien (OTS) - Eine Politik der Einschüchterung und der säbelrasselnden Drohungen gegen eine "Politik der Zweideutigkeit", die in Wahrheit nur Ratlosigkeit verbirgt: Für das Lehrbuch der hohen Diplomatie ist das Gerangel um Nordkoreas Atomwaffenprogramm alles, nur kein Schulbeispiel. Vorbeugende Konfliktverhinderung sieht anders aus. Weil Pjöngjang ungehindert Kernbrennstäbe zu militärischen Zwecken wiederaufbereiten kann und Washington offenkundig keine andere Antwort hat, als eben alle Möglichkeiten offen zu lassen, schaukelte sich die Atomkrise ganze neun Monate hoch - bis Nordkorea nun tatsächlich ausreichend Plutonium für ein halbes Dutzend Atombomben erzeugt haben könnte. Und was geschieht nun?

Der Atomstreit in Fernost hat sich mit unausgesprochenen Gewissheiten über die Monate geschleppt: Nordkoreas Führer Kim Jong-il wird schon nicht so verrückt sein, einen Atomkrieg zu beginnen; also kann man ihn ruhig einige Zeit mit der Drohung neuer Atombomben fuchteln lassen. Die USA werden am Ende schon irgendeine politische Garantie abgeben, die Pjöngjang das Überleben in einem internationalem Umfeld sichert, in dem es eigentlich nichts mehr zu suchen hat; also kann man getrost einige Zeit die Kalter-Krieg-Rhetorik der Regierung Bush überhören. Jetzt aber ist "paytime".

Die Karten für eine Konfliktlösung liegen bereits auf dem Tisch, sie müssen nur zusammengelegt werden. US-Außenminister Powell lancierte bereits früher in Eigenregie die Idee von "Fünf plus fünf"-Verhandlungen (die fünf Sicherheitsratsmitglieder sowie Nord-und Südkorea, Japan, die EU und Australien). Platz für eine US-nordkoreanische Sondererklärung wäre in diesem Rahmen. China steht als Wegweiser bereit.

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