"Die Presse" Kommentar "Deutsch-italienische Seifenoper" (von Wieland Schneider)

Ausgabe vom 17.7.2003

Wien (OTS) - Es ist schon lange Silvio Berlusconis Traum, mit seinem Medienimperium auch in den deutschen Unterhaltungssektor zu expandieren. Bisher blieb ihm das verwehrt - aus politischen Gründen, weil man in Deutschland keinesfalls dem italienischen Premier Einfluss auf das Privatfernsehen des Landes gewähren will.
Nun ist es aber gerade die Politik, die Berlusconis Traum wahr werden hat lassen - zumindest in gewisser Weise: Seit zwei Wochen ist nun Europa staunender Zuschauer einer deutsch-italienischen Seifenoper, in der besoffene hypernationalistische Blonde, Mafiosi, Rassisten und KZ-Aufpasser auftreten. Die Hauptdarsteller sind zwei beleidigte Regierungschefs, ein Tourismus-Staatssekretär, der seine Zunge nicht im Zaum halten kann und ein SPD-Europaabgeordneter, der glaubt, in vollem Galopp gegen italienische Windmühlen anreiten zu müssen. Und in der Story fehlt auch nichts, was beim breiten Volk gut ankommt:
Populismus, Emotionen, nationale Vorurteile und eine rasche Abfolge von Angriffen und Entschuldigungen, die den Zuschauer nicht zur Ruhe kommen lässt.
Nun wurde gerade die bisher letzte Folge der Seifenoper präsentiert. Und Europa rätselt noch immer darüber, ob es sich bei der deutsch-italienischen Co-Produktion um eine seichte Sommerkomödie oder nicht doch um eine bitterernste Tragödie handelt.
Denkt man an den Schaden, den die "spaßigen" Auftritte von Berlusconi, Schröder, Schulz und Co. an der Idee eines vereinigten Europas anrichten, das jenseits von nationalem Chauvinismus wichtige Probleme gemeinsam anpacken sollte, kann einem schon das Lachen im Hals stecken bleiben.

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