Walser plant ein Buch zur "Kritiker"-Affäre

Wien (OTS) - Ein Jahr, nachdem seine Reich-Ranicki-Satire "Tod
eines Kritikers" in der deutschsprachigen Literatuerszene Tumulte auslöste, bringt Martin Walser demnächst ein neues Buch auf den Markt. "Meßmers Reisen", Fortsetzung des Meisterwerks "Meßmers Gedanken", ist eine Art Autobiographie in äußerst verknappten Sätzen. Im letzten Kapitel nimmt Walser auch auf die "Kritiker"-Affäre Bezug, wie er in einem Gespräch für die morgen erscheinende NEWS-Ausgabe bekräftigt.

Walser über die Folgen: "Ich hab halt ein paar Leute genauer kennengelernt. Es hat sich allerdings keiner ganz anders gezeigt, als mein Gefühl ihn vermutet hat, im Guten wie im Bösen. Es hat sich nur alles sehr verschärft, und es ist auch nicht schlimm, wenn man genauer zu wissen kriegt, wie's steht. In ,Meßmers Reisen’ gibt es eine Stelle, die heißt etwa ,Du mußt dir eine Blöße geben, besser noch zwei Blößen. Dann erfährst du, wie die Leute zu dir stehen’".

Walser plant eine umfassende literarische Verarbeitung der Affäre:
"Reden wir nicht zuviel von diesen blöden Schmerzen. Die hab' ich noch nicht verarbeitet, und sie sind noch nicht vorbei. Verglichen mit der Meßmer-Ebene sind sie auf einer anderen Ebene der Seele. Die Kammern, in denen sie gelagert sind, bleiben jetzt einmal verschlossen. Da warten wir die Flaschengärung ab. Was einem wichtig wird, ob man es will oder nicht, hat in einem ja Folgen. Das bleibt für mich jetzt lagernder Stoff und lagernde Qualität, und irgendwann mach ich dann was damit. Ich weiß aus Erfahrung, dass man solche Einlagerungen sich selbst überlassen muss."

Derzeit, so Walser, arbeite er an einem thematisch ganz anders gelagerten Roman mit dem Titel "Der Augenblick der Liebe".

Scharf wendet sich Walser in NEWS gegen Bush und seine Administration: "Ich habe die USA mehrfach in ihren Auftritten erlebt. Vietnam in den sechziger Jahren, Kennedy, Reagan und so weiter. Aber von allen Auftritten der USA finde ich den Bush-Auftritt den peinlichsten. Ich glaube nicht, dass Clinton trotz verschiedentlicher Drohungen diesen Krieg unter dem Vorwand des 11. September geführt hätte. Ich glaube auch nicht, dass diese Präventivrechtfertigung und die Globalisierung dieser These und Idee unter einer anderen Verwaltung möglich gewesen wäre. Für mich hängt alles davon ab, ob die Amerikaner diesen Bush noch einmal wählen. Denn dann würden sie bezeugen, dass sie immer noch an die Legitimität eines Weltherrschaftsanspruchs glauben. Und die gibt es garantiert nicht. Es gibt keine Idee, die die Welt beherrschen darf, auch nicht die der amerikanischen Demokratie. Man kann nicht anderen Menschen sagen, wofür sie sich schämen sollen und wofür nicht. Das muss man den Leuten in jedem Land selbst überlassen. Wir können nur hoffen, dass an diesem Zustand nur eine Administration Bush Schuld trägt, die bald wieder in einer andere amerikanische Tradition übergeführt wird. Denn das andere Amerika gibt es ja auch. Ich weiß das, denn ich bin lang genug dort gewesen. Das ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Leuten, und es gibt dort auch etwas anderes als dieses Kabinett, das bei jedem Zusammentritt zuerst betet. Das muss man sich vorstellen:
eine Macht, die die Welt beherrscht, muss zuerst einmal beten, bevor sie politisch denken kann!"

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