"Kleine Zeitung" Kommentar: "Fünf Jahre früher in Pension: Das Frauen-Privileg ist keines" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 15.07.2003

Graz (OTS) - Plädoyer für die behutsame Abschaffung eines antiquierten Vorrechts.

Reflexartig sind alle Parteien vor der heißen Kartoffel, die ihnen der Präsident des Verfassungsgerichtshofes zuwarf, zurückgewichen. Karl Korinek hatte die Angleichung des Pensionsalters
zwischen Männern und Frauen schon vor dem Jahr 2033 zur Diskussion gestellt und steht jetzt als reaktionärer Verfassungsmacho da. Zu Unrecht.

Die abwehrende Haltung von Regierung und Opposition gleicht eher einer ängstlichen Debattenverweigerung als einer rationalen Auseinandersetzung. Klar: Keine Partei will sich mit dem
emotionalen Thema den Kopf blutig schlagen. Frauen entscheiden jede Wahl.

Die häufigste Begründung für die Ablehnung ist der Hinweis auf die mannigfachen Benachteiligungen von Frauen im Berufsleben. Das Vorrecht, fünf Jahre früher in Pension gehen zu dürfen,
sei gleichsam der kompensatorische Ausgleich für die Schlechterstellung. Das scheint auf den ersten Blick plausibel. Frauen verdienen ein Drittel weniger und sie werden, vor allem, wenn sie sich für Kinder entscheiden, in der Pension krass benachteiligt. Es gibt kein Land in Europa, in dem die Eigenpensionen von Frauen nicht einmal die Hälfte jener der Männer ausmachen.
Dass es Frauen im Alter ökonomisch erst dann gut geht, wenn der Mann stirbt, ist eine Schande.

Ein Nachteilsausgleich ist also zu bejahen. Es gebe Möglichkeiten:
Indem man die Gleichbehandlungsgesetze verschärft. Indem man die Kindererziehungszeiten aufwertet nicht auf
Präsenzdienst-Niveau, sondern ordentlich. Indem man im Arbeitsprozess stehende Mütter bei den Pensionsbeiträgen entlastet zu Lasten derer, die kinderlos bleiben möchten. Oder: Indem
Frauen und Männer für die Dauer ihrer Ehe die Anwartschaften auf die Pension teilen, wie der Experte Bernd Marin vorschlägt.

Nichts dergleichen geschieht. Stattdessen wird eine Benachteiligung durch eine rechtlich strittige Bevorzugung kompensiert und drei Jahrzehnte fortgeschrieben in einem Jahrhundert, in
dem dieses Privileg eigentlich nicht mehr argumentierbar ist. Das gilt vor allem für jene Frauen, die das Los der Doppelbelastung nicht erfahren mussten, weil sie für einen Lebensentwurf
ohne Kinder optierten. Ihre Entscheidung zu pönalisieren, wäre üble Mutterkreuz-Ideologie, aber einen Sonderschutz durch das Gesetz brauchen sie nicht.

Und überhaupt: Wird es in Zeiten der Volldurchrechnung tatsächlich ein Benefiz sein, fünf Jahre früher aus dem Berufsleben gedrängt zu werden?

Bleibt immer noch die Biologie, die für die wirkungsvollste Kompensation männlicher Diskriminierung sorgt: Wir arbeiten länger. Sie leben länger. ****

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