Marketing ist nicht alles

WirtschaftsBlatt-Kommentar von Gerhard Marschall

Wien (OTS) - Hurra, in Wien hat sich ein Pensionsskandal gefunden! In tiefrotem Milieu noch dazu!! Empörung ist angesagt, und Jörg Haider fordert von Klagenfurt aus gar eine Sondersitzung des Nationalrates!!!

Zur Klarstellung: Ein jeder derartige Fall gehört selbstverständlich aufgeklärt. Und wenn dahinter System stecken sollte, sind solche Zustände abzustellen. Wundern würde es jedenfalls nicht, wäre die Stadtgemeinde Wien samt ihrem wirtschaftlichen Umfeld ein Biotop für hartnäckig wuchernde Privilegien.

Zu einem taugt ein frühpensionierter Wiener Bezirksvorsteher aber gewiss nicht: von Karl-Heinz Grasser abzulenken, was offenbar versucht wird und nur beweist, dass der Finanzminister in Schwierigkeiten ist. Gewiss hat er die Bühne, die ihm der ORF am Sonntagabend mit der Sendung "Offen gesagt" geboten hat, auf seine Weise bestens genutzt: KHG - der beste Finanzminister aller Zeiten, der vom politischen Feind Angepatzte und wieder Reingewaschene, der Fehlerlose und soziale Wohltäter ...

Grasser glaubt das vermutlich alles, was er über sich sagt, und wenn nicht, ist er ein guter Schauspieler - beides spräche gegen ihn. Grasser ist wohl ein begnadeter Selbstvermarkter, aber ein bei weitem nicht so guter Finanzminister. Seine Fehler sind evident: Er hat zu lange am Fetisch Null-Defizit festgehalten und damit die nachlassende Konjunktur vollends abgewürgt, statt sie anzukurbeln. Er hat die Steuer- und Abgabenquote in Rekordhöhe getrieben, statt die Ausgaben radikal zu kürzen. Ganz abgesehen von seiner aufklärungswürdigen Rolle beim Eurofighter-Kauf und bei der Voest-Privatisierung, von seinem Hang zu luxuriöser Amtsführung und teuren Beratern.

Nicht zuletzt hat Grasser jetzt auch als oberster Repräsentant der Finanzverwaltung versagt. Der Minister haftet in seinem Verantwortungsbereich für die korrekte Exekution der Gesetze.

Berechenbarkeit ist ein wichtiger Standortaspekt, denn Unternehmen müssen darauf vertrauen können, dass Chancengleichheit herrscht und nicht Willkür. Dieses Vertrauen ist erschüttert, wenn der Finanzminister in den Geruch der Steuerhinterziehung gerät und mit abenteuerlicher Argumentation reingewaschen wird.

Grasser hat ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, das die gesamte Finanz belastet. Aber wer weiss, vielleicht findet der Marketing-Profi auch den Dreh, wie er künftig an Steuerehrlichkeit appellieren kann, ohne dass das lächerlich klingt.

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