"Presse"-Kommentar: Glaubwürdigkeit und Vertrauen als Kriegsopfer (von Anneliese Rohrer)

Ausgabe vom 14. Juli 2003

Wien (OTS) - Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hat ein pensionierter Lehrer in Nevada dieses Jahr am Fourth of July, am Unabhängigkeitstag also, keine US-Fahne vor seinem Haus aufgezogen. Er ist einer jener US-Patrioten, über die man sich in Europa so leicht lustig macht. Seine Verweigerung macht nachdenklich.
In einem Telefonat spricht er von den Kriegsopfern und damit das ganze Dilemma an, das zur Zeit noch zögerlich, aber immer häufiger in den US-Medien diskutiert wird. Der Mann in Nevada wird täglich von zwei Seiten bedrängt: Zum einen von den Bildern der toten Soldaten im Irak, von den Opfern eines Krieges, der eigentlich nach offizieller Lesart keiner mehr ist.
Zum anderen von den Nachrichten über jene falschen Informationen, mit denen Spitzenleute der US-Administration die Notwendigkeit jenes Irak-Krieges begründeten, der immer mehr junge GIs das Leben kostet. Dem emotionalen Dilemma des Durchschnitts-Amerikaners, der so gerne an die Offenheit, Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit seiner politischen Führung und seines demokratischen Systems glauben möchte, entspricht aber ein immer größeres politisches Dilemma der Bush-Regierung.
Nur weil der Irak-Krieg nach wie vor Leben kostet, werden die Fragen nach der Vorgeschichte des Krieges täglich immer lauter. Hätten die US-Streitkräfte den irakischen Diktator Saddam Hussein bereits "tot oder lebendig"; hätte man die Sicherheitssituation im Land bewältigt, atomare, biologische, chemische Massenvernichtungswaffen in welchen Ausmaß immer gefunden, und gäbe es die Toten nicht, dann wären die Antworten auf die Fragen, wer wen wie in diesem Krieg hinters Licht geführt haben könnte, auf die Geschichtsforschung oder eine im Nachhinein investigative Medienberichterstattung verschoben worden. Erfolg erstickt jeden Zweifel.
Gewiss, internationale Politik ist kein Gruppenspiel in einem Mädchenpensionat: Da ist Geheimhaltung, Timing, Effizienz entscheidend und notwendig. Allein, wenn die nötige Geheimhaltung in einer Demokratie in Täuschung der Öffentlichkeit umschlägt, wenn die Auswahl der Information bewusste Manipulation war, dann wird der Politik mehr geopfert als Menschenleben.
Um ja nicht missverstanden zu werden: Am bedeutendsten ist natürlich der Verlust an Menschenleben im Irak. Aber zu den Opfern dieses Präventivkrieges kann bald auch die Glaubwürdigkeit des US-Präsidenten und in seinem Gefolge des britischen, des spanischen, des italienischen Premiers zählen. Auch die vor genau einem Jahr von George W. Bush verkündete neue Verteidigungsdoktrin der USA mit der Möglichkeit, überall auf der Welt Präventivschläge zu führen, wäre dann geopfert. Sollte sich nämlich herausstellen, dass die Voraussetzungen für den Irak-Krieg ganz andere waren als angegeben, dann wird nach einem solchen Vertrauensbruch wohl kaum jemand noch in anderen Fällen an Ehrlichkeit und Echtheit der US-Sorgen glauben. Wie in diesem Fall Vertrauen und Glaubwürdigkeit wiederhergestellt werden können, kann jetzt nicht gesagt werden. Aber der Gedanke, dass die Demokratie in den USA und in Großbritannien nachhaltig beschädigt sein könnte, ist ziemlich unerträglich. Im Fall Großbritanniens wird er nur deshalb etwas erträglicher, weil sich Tony Blair zumindest einer öffentlichen Befragung durch seine skeptischen Parlamentarier gestellt und es eine Untersuchung gegeben hat.
Noch ist die US-Bevölkerung, noch sind die US-Medien nicht aufgebracht, weil der Beweis des Lugs und Trugs nicht vorliegt. Und wer will sich schon selbst eingestehen, dass man sich willentlich hinters Licht hat führen lassen? Sollte es aber erforderlich sein, so ist dieses Eingeständnis unerlässlich - um der Demokratie willen. Denn das wäre ja nun wirklich ein Treppenwitz der Geschichte, müsste man einmal das demokratische westliche System zu den Kriegsopfern des Irak zählen.

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