"Die Presse" - Kommentar: "Die Türkei zwischen allen Stühlen" von Christian Ultsch

Ausgabe vom 8.Juli 2003

Wien (OTS) - In der EU sind sie noch nicht, möglicherweise werden sie nie ganz dabei sein. Und mit den Amerikanern können sie nicht mehr. Die Türken kommen an der außenpolitischen Tafel zwischen jenen beiden Stühlen zu sitzen, die für sie am wichtigsten sind. Auf Dauer könnte diese Position für die islamische Regierung in Ankara anstrengend werden.
Die Affäre um die elf türkischen Soldaten, die jüngst von der US-Armee im Nordirak verhaftet und erst zwei Tage später wieder freigelassen wurden, wirft mehrere Fragen auf. Zum Beispiel, was die elf Kameraden eigentlich zu suchen hatten in Nachbars kurdischem Garten? Wenn die Berichte stimmen, dass sie den Auftrag hatten, den Gouverneur von Kirkuk zu ermorden, dann kann man den Zorn der USA verstehen. Denn derzeit brauchen sie wirklich niemanden, der noch mehr Chaos im Irak sät; dafür sorgen sie schon selbst.
Die Türkei indes dementiert, irgendwelche Anschläge geplant zu haben. Und ein ganzes Volk erregt sich darüber, wie man es wagen konnte, türkische Soldaten derart mies zu behandeln. "Vertrauenskrise", ruft der türkische Generalstabschef gar.
Der gute Hilmi Özkök dürfte den Nagel auf den Kopf treffen. Denn seit die Türken den Amerikanern im Irak-Krieg einfach die Nordfront zugedreht haben, steht es nicht mehr zum Besten zwischen den Nato-Verbündeten. Für Ankara kann das nur umso mehr bedeuten: auf in die EU.

christian. ultsch@diepresse.com

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