"Die Presse" Kommentar "Ein bisschen Frieden nach 1000 Tagen" (von Thomas Vieregge

Ausgabe vom 1.7.2003

Wien (OTS) - Als Condoleezza Rice zu ihrem ersten Blitz-Trip in
den Nahen Osten reiste, hüllte sie sich in beredtes Schweigen: keine Ankündigungen, keine gedrechselten Worte, nur geschäftsmäßige Diplomatie. Sogar einen ausgebufften Politiker vom Schlag des israelischen Premiers Ariel Scharon las die US-Sicherheitsberaterin hinter den Kulissen die Leviten und machte so ihrem Ruf einer "tough cookie", einer zähen Lady, alle Ehre. Sie mag sich gedacht haben: Der Worte sind genug gewechselt, nun lasst uns endlich Taten sehen!
Und tatsächlich haben Israelis und Palästinenser mit dem teilweisen Abzug aus den besetzten Gebieten und der Verkündung einer dreimonatigen Waffenruhe einen Anfang gemacht, zaghafte erste Schritte. Nach 1000 Tagen Intifada haben sich die Konfliktparteien zunächst eine Atempause verschafft, Zeit für eine Wiederaufrüstung der Hamas, die personell und finanziell ausgezehrt ist _ so lautet die Einschätzung der Pessimisten, die in der Region so weit verbreitet ist wie nirgendwo sonst. Zugleich sehnt sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nach einem Leben in Frieden. Dass erstmals seit Herbst 2000 die Waffen schweigen sollen, stößt bei Israelis wie Palästinenser auf Skepsis _ und das ist kaum verwunderlich. Ein Funke, ein Anschlag genügt _ und schon ist das bisschen Frieden im Keim erstickt. Das Hauptgewicht liegt auf der palästinensischen Führung, sie muss die Extremisten im Zaum halten. Scharon dagegen hat vorderhand nichts zu verlieren. Freilich muss er Gegenleistungen erbringen. Das Engagement der USA berechtigt zu der Hoffnung, dass er sich an die Meilensteine der "Roadmap" hält.

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